Bis ich dich erkenne

Ich mag dich, 
du zartes Nebelgewand. 
Wenn du die Welt 
mit dir umhüllst, 
ertasten meine Augen Formen 
wie einer, der Nacktheit sucht. 
Bald hör ich dich flüstern, 
hör wie du tuschelst 
mit meiner Fantasie, 
ihr ungewisse 
Versprechungen machst. 
Und im Ungewissen 
entdecke ich Leben. 
Nur Leben. 
Bis ich es rückwärts lese, 
dieses Leben, und dich 
in ihm erkenne, dich, 
meinen Freund, den Nebel. 

Den Himmel streicheln

Wie einer,
der auf Erden nichts verloren hat,
zieht’s ihn nach oben, sein Leben lang.
So hager seine Arme,
dass der Sonne Schattenmaler
sie kaum zeichnen kann.
Als wollte er den Himmel streicheln,
streckt der Ginster
sich mit grünen Armen dem Blau entgegen.
Und fegt der Wind über ihn hinweg,
neigt und erhebt er sich wie einer,
der angekommen,
schwingt mit athletischer Gestalt
sanft im Takt, den der Himmel ihm gibt.

Stürmisch und sanft

Sie sagen es zwar nicht,
aber es kommt trotzdem raus.
Man sieht es ihnen doch an,
all den Bäumen:
Keiner zieht sie an wie der Herbst.
Warum sonst sollten sie sich
von ihm ausziehen lassen.
Auf ihn haben sie gewartet
einen ganzen Sommer lang.
Darauf, dass er kommt.
Stürmisch und sanft. 

Weil’s wahr ist

Ich weiß ja, dass WERBUNG als die effektivste Form der Lüge gilt. 😉 Dennoch traue ich mich zu sagen: Alles, was ich in dieser Erzählung, für die ich heute werbe, geschrieben habe, entspricht der Wahrheit. 

Hier eine Minisequenz daraus: „Gegenüber keinem Menschen sonst hätte sie sich diese Blöße gegeben. Nun stand sie da, vor ihrem Sohn, fühlte sich von einer auf die andere Sekunde entkleidet. Sie kam sich vor, als wäre sie auf einer Kinoleinwand zu sehen. So nackt und so authentisch, wie sie sich noch nie jemandem gezeigt hatte. Und ihr eigener Sohn schaute sie an, sah sie in der Rolle ihres Lebens. Aber dieser Film war nichts für Kinderaugen. Einer wie Sven konnte dieses Leben doch noch gar nicht verstehen. Und fraglich, ob er jemals kapieren würde, wie ungelebt ihres war.“ 

Die Netzwerkerin

Mit diesem Fischkutter aus Greetsiel kommt WERBUNG auf euch zu. 😀 Nicht für Krabben und anderes leckere Zeug aus der Nordsee, sondern für meinen Roman Till Türmer und die Angst vor dem Tod. Darum passend zur Bildszene eine kleine Sequenz aus dem Buch:

„Welche Ähnlichkeit Tina und solche Fischernetze doch haben, dachte Till. Nicht nur, dass beide viele Blicke ernteten. Tina war in beruflicher wie privater Hinsicht die Netzwerkerin schlechthin. Wenn sie auf Fang ging, lohnte es sich so gut wie immer. Mancher, der ihr ins Netz ging, verhedderte sich zwar so in ihren Maschen, dass er kaum wieder heraus kam, konnte sich aber immerhin sagen, von ihr als Leckerbissen genossen zu werden.“ 

Kaffee statt Weihrauch

Ich hab‘s ausprobiert, und es gelingt tatsächlich: Hier, in dieser ehemaligen Kirche, kann man nicht nur gemütlich Kaffee trinken, sondern dabei auch noch ein Buch über Typen lesen, mit denen überhaupt nicht gut Kirschen essen ist. 

Lungernde Leere

Nichts los. 
Lungernde Leere.
Gedanken klopfen an, 
kehren zurück 
wie längst gegangene Gäste,
betreten das Nichts, kreisen
auf der Tanzfläche der Erinnerungen. 
feiern und streiten, 
lieben, begehren, rechnen ab. 
Das Jetzt bringt sie aus dem Takt. 
Keiner setzt sich. 
Sie tanzen ins Nichts. 

Einander so gleich

Köpfe,
einer wie der andere
ziemlich rund.
Einer anders als der andere,
einander so gleich 
wie Schnauze und Mund. 😀

Der Tag hat mich geschafft. Und dann das.

23.38 Uhr. Der Tag hat mich geschafft. Dennoch steht mir noch was bevor: Zähne putzen. Ich nehme die Bürste, die elektrische, in die Rechte. Mit der Linken packe ich mir die Tube, drücke das cremige Zeug auf meine Beißer, denn wenn ich es auf die rotierende Bürste drücken würde, würde mir der Kram ja um die Ohren fliegen. Dann den gewohnten Druck auf den On-Schalter, und es passiert: Ein dickes, schwarzes Etwas wird durch die wild sich drehende Bürste ins Becken geschleudert. Nun liegt es da auf dem glänzenden Weiß, das noch weißer ist, als meine Milchzähne einst waren. Es liegt dort eine Schnappatmung lang. Pechschwarz auf Weiß. Dann kriegt es Beine. Es klappt sie einfach aus und macht sich davon. Ich identifiziere das schwarze Etwas schlaftrunken als Spinne. Als Spinne kapitaler Bauart. Auch ich mache mich davon. Ziemlich flott. Ohne ein „gute Nacht“.

Bevor es zu spät ist

„Ich muss mal“, sagte sie.
„Muss das jetzt sein?“
„Ja.“
„Dann müssen wir hier links ab.“
„Ne, lass uns woanders verschwinden.“
„Wieso?“
„Weil es links nur Einsamkeit zu zweit gibt.“
„Geht bestimmt auch anders.“
„Wie denn?“
„Wir müssen uns nur trennen, ehe es zu spät ist.“ 😉