Der Angstmacher und die schöne Grazie

„Irgendwie beneide ich den ja“, sagte die Kornblume.
„Wen?“, fragte das Gras.
„Den ollen Stacheldraht.“
„Wieso?“
„Weil der nie Angst haben muss, dass seine Zeit bald vorbei ist. Steht ewig an seiner Kuhweide, und jeder hat vor ihm Respekt.“
„Respekt?“, sagte das Gras, „höchstens Angst. Und das gilt auch nur für Rindviecher.“
„Meinste?“
„Klar, wenn hier einer mutig ist, dann eher du.“
„Du spinnst.“
„Nee“, sagte das Gras, „Viel mehr Angst hat doch der, der sich fürchtet, sie zu zeigen. Aber du erzählst mir von deinem Fracksausen.“
„Aber er sieht so mächtig aus mit seinen Stacheln.“
„Mag sein, mehr Macht hat aber einer, der Freude macht.“
„Wie das?“
„Ja, guck dich doch mal an. Alle, die dich sehen, kriegen strahlende Augen. Die bleiben stehen, selbst wenn sie es eilig haben. Und weil sie noch länger was von dir haben wollen, nehmen sie dich als Foto auch noch mit nach Hause.“ 😀

Hasenlogik

„Mal ganz kurz ’ne Frage, bevor du gleich wieder losrennst“, sagte das Gras zum Hasen: „Kann es sein, dass du ’n Problem mit Nähe hast?“
„Wie kommste denn darauf?“
„Weil du rennst was das Zeug hält, sobald dein bester Freund hinter dir her ist.“
„Wir waren doch gerade noch zusammen. Ganz viel und ganz innig.“
„Und warum haste dann das Weite gesucht?“
„Um das Schöne nicht zu zerstören.“
„Hee? Versteh ich nicht.“
„Ist aber ganz einfach: Je weiter er weg ist, desto doller wünsch ich mir seine Nähe. Und er sich meine.“ 😀

Ich hänge doch an dir

„Lass mich los!“, flehte das Laub.
„Weh doch einfach weiter“, sagte der Weidezaun.
„Wie denn?“
„Du bist herangeweht, da wirste ja wohl auch wieder wegwehen können.“
„Schön wär’s. Ich häng doch an dir.“
„Wirklich? Oh, du liebes flatterhaftes Laub, Schöneres hättest du mir kaum sagen können.“
„Willst mich wohl auf den Arm nehmen.“
„Ne, will dir nur Halt geben.“
„Wieso denn?“
„Weil ich nicht will, dass du auf den Boden segelst und vermoderst. Außerdem, irgendwie glaube ich, mich durchaus an dich gewöhnen zu können.“
Zärtlich um des Zaunes Spitzen tanzend sagte das Laub: „Ich glaube, ich mich auch an dich.“
„Wie schön, aber dann lass uns aufpassen, dass das Schöne nicht zu gewöhnlich wird.“ 

Du und der Himmel

„Boah, ist das hier schön“, sagte das schwarze Schaf zum weißen, „fast wie im Himmel.“ „Du nun wieder. Aber ist ja klar, dass du sowas sagst.“
„Wieso?“
„Weil du nur ans Fressen denkst.“
„Dir schmeckt es doch auch.“
„Aber Typen wie du fressen unsereins die schönsten Weiden leer.“
„Was für Typen?“
„Typen, die anders sind. Guck dich doch mal an.“
„Hast recht, wenn ich uns so anschaue, muss ich immer an den Himmel denken.“
„Bist du bekloppt?“
„Nein, überleg doch mal. Da ist Multikulti doch total normal.“ 😀

Völlig ausgeflippt

„Bist ja völlig ausgeflippt“, sagt die Unerfahrenheit zum Übermut. „Das wirste noch bereuen.“
„Bereuen? Glaub ich nicht“, sagt der Übermut. „Ich liebe Luftsprünge. Wenn ich oben bin, kann ich den Horizont sehen. Und zwischen dem und mir liegt ne große schöne Welt.“ 

Das gibt’s tatsächlich

Ich war mir ja bisher nie so sicher, aber seit letzten Sonntag, das war der 8. April, weiß ich es ganz genau: Ja, es gibt für Gänse tatsächlich ein Leben nach Weihnachten. Denn da habe ich sie gesehen und fotografiert. Letzteres nur, weil mir ja sonst keiner glaubt.