Nicht dafür geschaffen

Für den Sprung 
ins kalte Wasser 
nie geschaffen 
und doch mittendrin. 
Schleichend, ganz sanft, 
kam einst der Fluss daher, 
streichelte 
dürstende Erlen, Birken, Eichen 
mit feuchtem Kuss, 
bis trunken sie im Sumpf 
zu schwimmen lernten, 
bis aufrechte Säulenwesen 
demütig sich neigten, 
ihre Wurzeln im Meer 
nie gesehner Möglichkeiten 
zusammen ankernd 
die Hände reichten.

Vom Sommerkleid befreit

Alles still,
wie lahmgelegt, 
und doch von Stillstand keine Spur. 
Silbergrau gewandet 
feiern Zweige, Äste, Halme
winterfestlich leis das Innehalten. 
Vom Sommerkleid befreit, sind sie bereit, 
des Frostes weißes Raugewand zu tragen.
Beim Walzer klirrend kalter Zeit sich wiegend, 
erspüren sie im Miteinander 
der Sonne Weg vom Ich zum Du. 

Knospenmüd

Er ahnt nicht,
was in ihr steckt,
atmet nicht ihren Duft,
den sie knospenmüd
in sich verschließt. 
Ahnungslos
lässt sich der Winter
auf ihr nieder, 
feiert die Zeit
mit kristallnem Schmuck,
bis unter ihm
keimgrün neues Leben sich reckt
und froststarrer Schmuck
frühlingswarm schmilzt. 

So total offen

„Hey, was hast du denn vor?“ fragte der Baum.
„Ich muss da rein.“
„Biste ja schon. Ohne mich zu fragen.“
„Wieso fragen? Auf mich wirktest du total offen. Da dachte ich, du hättest bestimmt Platz für so ’n kleines Geheimnis.“
„Was denn für ’n Geheimnis?“
„Für mich. Keiner darf mich finden, und ich will keinen mehr sehen.“
„Haste was verbrochen?“
„Ne, noch nie.“
„Versteh ich nicht“, sagte der Baum.
„Ja, guck dir doch mal die Welt an. Alles voll von Verbrechern. Da kriegt man doch Angst. Du etwa nicht?“
„Bisher nicht.“
„Boah, du hast Nerven.“
„Ich glaube, ich hab hier oben nur `ne bessere Aussicht.“
„Was siehste denn da?“
„Ganz viel Gutes. Typen wie dich zum Beispiel. Wenn die nicht mehr da sind, kriege ich auch Angst. Vielleicht.“

Kühle Beziehung

„Ich mach mir Sorgen um dich“, sagte der Winter zum Blatt.
„Wieso?“
„Weil du so deprimäßig herumhängst.“
„Ja und? Lass mich doch.“
„Ich würde aber schon gern wissen, was los ist.“
„Ach, alle haben sich davongemacht. Zuerst der Frühling, dann der Sommer und dann auch noch der Herbst, mit dem jeder Tag so herrlich bunt war.“
„Aha“, sagte der Winter. „Aber ich bin doch da. Und ich bleibe. Auf jeden Fall bis der Frühling wieder bei dir ist.“
„Das kann aber lange dauern.“
„Klar, aber daran siehste, dass `ne etwas kühlere Beziehung länger halten kann als `ne allzu heiße.“ 

Niemand kommt zu dir

„An deiner Stelle würde ich mir ja total nutzlos vorkommen“, sagte das Feld zur alten Scheune.
„Wieso?“
„Weil dich keiner mehr braucht. Stehst leer in der Landschaft, und niemand kommt zu dir. Schon seit Jahren nicht. Da kann man doch nur vor Einsamkeit sterben.“
„Kann man auch anders sehen“, sagte die Scheune.
„Aha. Und wie?“
„Siehst du denn nicht die alten Bäume? Wie treue Wächter stehen sie bei mir und geben mir Schutz. Und du“, sagte die Scheune zum Feld, „du gibst mir Weite. Ach, und noch viel mehr: Solange es dich in meinem Leben gibt, habe ich eine wunderschöne Aufgabe.“
„Was haste denn mit mir zu tun?“
„Wenn der Westwind kommt, stehe ich ihm im Weg und kann dich vor ihm schützen.“

Ich hänge doch an dir

„Lass mich los!“, flehte das Laub.
„Weh doch einfach weiter“, sagte der Weidezaun.
„Wie denn?“
„Du bist herangeweht, da wirste ja wohl auch wieder wegwehen können.“
„Schön wär’s. Ich häng doch an dir.“
„Wirklich? Oh, du liebes flatterhaftes Laub, Schöneres hättest du mir kaum sagen können.“
„Willst mich wohl auf den Arm nehmen.“
„Ne, will dir nur Halt geben.“
„Wieso denn?“
„Weil ich nicht will, dass du auf den Boden segelst und vermoderst. Außerdem, irgendwie glaube ich, mich durchaus an dich gewöhnen zu können.“
Zärtlich um des Zaunes Spitzen tanzend sagte das Laub: „Ich glaube, ich mich auch an dich.“
„Wie schön, aber dann lass uns aufpassen, dass das Schöne nicht zu gewöhnlich wird.“ 

Wenn mich einer sieht

„Du hast es gut“, sagte der Nebel zur Linde.
„Wenn mich einer sieht, sieht er nur Probleme,
weil er nicht mehr durchblickt. Und dann die vielen Vögel.
Durch mich zischen sie nur hindurch, weil sie bei dir landen wollen.
Anschließend beschenken sie dich auch noch mit tollster Musik.“
„Stimmt, manchmal habe ich ’n ganzes Orchester in der Krone. Aber was wäre das alles ohne dich?! Du, mein lieber Nebel, bist das ersehnte Pausenzeichen zwischen lauter schnellen Takten und Läufen in den wildesten Partituren dieser Welt.“

Ich kann nicht anders

Schlechte Sicht
pfercht meine Sinne ein.
Ich kann nicht anders,
als anzusehen was ist,
zu betrachten,
was greifbar vor mir liegt,
und entdecke
den Zauber des Jetzt.