Wenn alles Licht sich verdrückt

Wenn alles Licht sich verdrückt, 
möcht ich lernen, 
wie Moos im Schatten zu gedeihn. 
Möcht in eigner Winzigkeit 
Wälderweiten finden, 
in denen sinnloses Suchen 
furchtlos sich verläuft. 
Vielleicht würdest dann du 
gern die Ameise sein, 
die in mir ihr Fleißgewand verliert 
und mit mir zusammen findet, 
was uns erdet.

Des Winters goldner Atem

Des Winters goldner Atem 
haucht der Erde Stille ein, 
durchschleicht die Landschaft, 
küsst in leisem Tanz 
frostmüde Zweige wach, 
bereitet der Natur die Bühne, 
die unsre Herzen sehen lässt,
was Leben ist. 

Der du am Boden liegst

Dich so zu sehen!
Meine Augen 
wollen zu dir empor,
verlangen nach deiner Größe, 
die einst mich Ehrfurcht gelehrt. 
Im Schatten deiner Krone 
dich ermessend
brachtest du mir Demut bei. 
Jetzt liegst du da, 
vom Tod zerfetzt, 
vom Leben zerfressen. 
Erzählst mir stumm 
von der Erde, 
aus der du nicht mehr saugst, 
was Jahrhunderte dich genährt.
Tot erfüllst du sie mit Leben, 
diese Erde, bis sie Kreaturen 
wie dich gebiert. 
So schaue ich auf zu dir, 
der du am Boden liegst, 
vergesse alle Sorgen 
ums Überleben
ein Waldrauschen lang
und übe mich 
im schönsten Erleben.

Nur ganz leis gehofft

Hatte nicht mehr daran geglaubt,
dich noch zu sehen,
nicht an diesem Abend.
Hatte nur darauf gehofft, 
ganz leis, kaum lauter 
als schläfriger Abendwind,
der die Halme streift.
Wie aus Waldes Zauberhand
entsprungen
bist du nun aufgetaucht,
sichtbar geworden,
nur weil du mich nicht siehst. 
Ich betrachte dich 
mit starren Lidern,
will dich nicht vertreiben 
aus menschenferner Blätterwelt,
erkenne in dir das Wesen, 
das nicht an gestern
und an morgen denkt, 
das den Augenblick 
liebevoll mit Aufmerksam beschenkt,
und ich begreife,
dass im Beobachten
das Achten wohnt. ?

Im leisen Konzert des Waldes

Niemand bei mir und doch nicht allein.
Alte Gedanken treten ein,
setzen sich mir zur Seite,
untermalen die Stille 
mit ihrem Klang, 
wetteifern 
mit dem Rauschen 
des Laubes, 
führen bald das Wort. 
Ich höre ihnen zu 
wie ich es selten getan, 
höre Fragen, 
die ich oft überhört 
oder eingekerkert habe. 
Lausche ihnen 
nun freundschaftlich
im leisen Konzert des Waldes
und beschenke Gedankengäste 
mit Antworten,
die ich soeben noch gar nicht hatte. 

Der Schräge

„Glaubst du wirklich, dass du hier hingehörst“, fragte einer der Aufrechten den Schrägen. „Glaub schon“, sagte der Schräge. „Wieso?“
„Schau dich doch mal um, hier steht man gerade.“
„Hab ich schon gesehen. Aber einfach nach oben ist halt der schnellste Weg zum Licht.“
„Nicht nur das“, sagte der Aufrechte, „man macht auch ’ne bessere Figur.“
„Ach so“, sagte der Schräge, „ich dachte schon eure Haltung wär ’n Strammstehen vor der Sonne.“
„Strammstehen? Wir sind halt integriert. Was man von dir nicht gerade sagen kann.“
„Macht doch nichts“, sagte der Schräge. „Integration ist ’ne prima Sache, klingt aber so vornehm, dass ich manchmal misstrauisch werde.“
„Warum?“
„Weil dahinter ’ne Anpassung steckt, die ich lieber Unterwerfung nennen würde. Nicht immer. Aber ab und zu. Und ziemlich oft.“ ?

Geheimnisvolle Waldgestalt

Als hätte deine Gestalt 
leis zu mir gesprochen, 
schau ich zu dir empor. 
Frage mich, wer du bist. 
Menschlicher Baum 
oder hölzerner Mensch. 
Du sagst es mir nicht, 
stehst einfach da, 
geheimnisvolle Waldgestalt, 
und streichelst stumm 
meine Sinne wach. 
Ich berühre deinen Leib 
mit Blicken, 
bis ich die Schönheit 
in dir entdecke 
und mich frage, 
ob die Krone der Schöpfung 
nicht auch dir 
ganz gut passt. ?

Kühle Beziehung

„Ich mach mir Sorgen um dich“, sagte der Winter zum Blatt.
„Wieso?“
„Weil du so deprimäßig herumhängst.“
„Ja und? Lass mich doch.“
„Ich würde aber schon gern wissen, was los ist.“
„Ach, alle haben sich davongemacht. Zuerst der Frühling, dann der Sommer und dann auch noch der Herbst, mit dem jeder Tag so herrlich bunt war.“
„Aha“, sagte der Winter. „Aber ich bin doch da. Und ich bleibe. Auf jeden Fall bis der Frühling wieder bei dir ist.“
„Das kann aber lange dauern.“
„Klar, aber daran siehste, dass `ne etwas kühlere Beziehung länger halten kann als `ne allzu heiße.“ 

Bis ich dich erkenne

Ich mag dich, 
du zartes Nebelgewand. 
Wenn du die Welt 
mit dir umhüllst, 
ertasten meine Augen Formen 
wie einer, der Nacktheit sucht. 
Bald hör ich dich flüstern, 
hör wie du tuschelst 
mit meiner Fantasie, 
ihr ungewisse 
Versprechungen machst. 
Und im Ungewissen 
entdecke ich Leben. 
Nur Leben. 
Bis ich es rückwärts lese, 
dieses Leben, und dich 
in ihm erkenne, dich, 
meinen Freund, den Nebel. 

Was zum Anlehnen und Aufschauen

Man braucht ja was zum Aufschauen.
Und hin und wieder zum Anlehnen.
Man kann sich auch dran reiben.
Und man kann von so ’nem Riesen träumen.
Und davon, dass man selbst noch viel größer
als er und der Riese nur ein Zahnstocher ist.
Aber dann hat man keinen mehr zum Anlehnen.
© Andreas Klaene