Ruhe im Gestrüpp

„Ich finde, das steht dir nicht“, sagte das Gestrüpp.
„Was?“, fragte der Reifen.
„Hier so rumzustehen.“ 
„Musst du gerade sagen. Kommst doch auch nicht von der Stelle.“
„Ist ja auch nicht meine Aufgabe“, sagte das Gestrüpp, „aber deine schon.“
„Wieso?“
„Bewegte Typen wie du müssen rotieren. Hast wohl noch nie gehört, was andere so sagen.“
„Nee, was denn?“
„Dass der Weg das Ziel ist.“
„Aber wenn das immer so ist, komme ich ja nie zum Innehalten.“ 
„Ja und? Was haste denn davon, unbewegt hier rumzustehen?“
„Jetzt, wo ich stehe, fühl ich mich wie noch nie. Ganz bewegt.“
„Wie das denn?“
„Weil ich erst im Ruhemodus merke, wo ich stehe. Und was ich hier sehe, finde ich wunderschön.“ ?

Das gefundene Fressen

„Wenn ich diesen Typen nur sehe. Ich könnte den“, sagte der eine Grashalm zum anderen.
„Wen?“
„Den blöden Reiher.“
„Der ist gar nicht so blöd.“
„Ach, komm! Der beachtet uns doch gar nicht. Und wie der geht. Der schreitet doch nur. Wie einer, der ’n Besenstiel verschluckt hat. Total arrogant, dieser Typ.“
„Weiß nicht.“
„Guck dir doch mal dieses Selbstbewusstsein an!“
„Seh ich ja.“ 
„Na also.“
„Aber Arroganz sieht anders aus.“
„Wie denn?“
„Zum Beispiel wie endlos wirkendes Selbstbewusstsein trotz völliger Ahnungslosigkeit. Aber dieser Typ blickt durch. Der weiß, wie er was in den Schnabel kriegt, bevor es die Flucht ergreift: nur vorsichtig staksend.“
„Mir ist die Kuh trotzdem lieber.“
„Warum?“
„Die schaut einen immer so nett an.“
„Klar, weil wir ihr gefundenes Fressen sind.“ ?

Ziemlich schräg

„Ist ja nicht mit anzugucken“, sagte die Weide.
„Was?“, fragte der Baum.
„Dieses schräge Etwas da. Und sowas nennt sich Zaun.“
„Was haste denn gegen den?“
„Musst du gerade fragen, so aufrecht wie du bist“, sagte die Weide. „Ich find’s ätzend, wenn sich einer so hängen lässt. Das ist doch keine Haltung.“ 
„Nu lass mal gut sein“, sagte der Baum, „der Zaun ist ja nicht nur ’n Zaun.“
„Ach nee, was denn noch?“
„Ne Gemeinschaft.“ 
„Was denn für ’ne Gemeinschaft?“
„Eine aus Pfählen und Latten. Und ich frage mich immer, wie die es schaffen, seit ewigen Zeiten zusammenzuhalten.“
„Mir geht da was durch’n Kopf“, sagte die Weide.
„Und?“
„Vielleicht können sich am besten die Halt geben, die viel voneinander halten.“

Hasenlogik

„Mal ganz kurz ’ne Frage, bevor du gleich wieder losrennst“, sagte das Gras zum Hasen: „Kann es sein, dass du ’n Problem mit Nähe hast?“
„Wie kommste denn darauf?“
„Weil du rennst was das Zeug hält, sobald dein bester Freund hinter dir her ist.“
„Wir waren doch gerade noch zusammen. Ganz viel und ganz innig.“
„Und warum haste dann das Weite gesucht?“
„Um das Schöne nicht zu zerstören.“
„Hee? Versteh ich nicht.“
„Ist aber ganz einfach: Je weiter er weg ist, desto doller wünsch ich mir seine Nähe. Und er sich meine.“ ?

Hingucker im Halmenwald

„Hey, du bist ja ’n richtiger Hingucker“, sagte das Gras zur Blüte.
„Findste? Und ich hatte schon Angst, unangenehm bei euch aufzufallen.“
„Wieso das denn?“
„Weil ihr euch alle so herrlich ähnlich seid.“
„Herrlich ähnlich? Wohl eher genormt. Ist doch langweilig.“
„Gegen Langeweile kann man ja was tun“, sagte die Blüte.
„Was denn?“
„Sich lieben. So richtig.“
„Und dann?“
„Dann ist man verrückt. Ich meine, abgerückt. Von jeder Norm.“ ?

Wo ich nie sein wollte

Wenn Gräser
wie Bäume sich vor mir erheben,
wenn die Pfütze weit wie ein See
vor mir auf der Landschaft liegt,
bin ich am Boden,
dort, wo ich nie sein wollte,
bin auf Augenhöhe mit der Welt,
auf die ich noch soeben trat.
Ganz unten, zwischen Gräsern,
die wie Bäume zum Himmel streben,
stelle ich Fragen, die ich nie hatte,
und wünsche mir,
dass die getretene Welt
noch mit mir spricht.
© Andreas Klaene

Wo jeder laute Ton erstickt

Wo brauner Boden
bei jedem Schritt
an meinen Stiefeln zieht,
wo jeder laute Ton im Torf erstickt,
wo im Sommer ein Kuckuckschor
mein Stapfen mit Rufen begleitet,
wo der Himmel in der Ferne
küssend sich zur Erde neigt,
da bin ich im Moor.

Andreas Klaene

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Herbstmorgenstille

Dumpf tönt das Schnauben der Pferde
in die grüne Herbstmorgenstille hinein.
Wie eine Aufforderung
an noch schlummernde Gräser,
von den Träumen der Nacht zu erzählen.

Andreas Klaene

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