Küsste sich am Sattel fest

Als es noch konnte wie es wollte, dieses Fahrrad, fühlte es sich von ihm angezogen. Weil er so herrlich anders war, dieser Baum. So standhaft und stark. Und auch, weil man sich an ihn anlehnen konnte. Irgendwann kamen sie sich näher. Radnabe küsste Rinde. Bleib bei mir, sagte der Baum, küsste sich am Sattel fest, klammerte, bis die Speichen knackten. Nun ist es starr wie er, das Fahrrad. Nichts regt sich mehr.

Warum er das wohl tut?

Habe mich ja schon oft gefragt, warum er das tut. Warum er uns in so strahlendes Licht stellt und unsere Fassaden bemalt. Ich glaube, ich weiß es: Er mag uns und möchte es sagen. Nur fehlen ihm die Worte. Aber er weiß sich zu helfen, dieser Himmel. Darum streichelt er uns mit sommerlichem Licht und bemalt unsere Fassaden mit liebender Hand. 😀🌞

Jeder hält ihn für tot

Früher,
als er noch ein Baum war,
war Leben Überleben.
Jetzt
steht er als Pfahl in der Landschaft,
amüsiert sich darüber,
dass jeder ihn für tot hält,
lebt auf,
wenn einer kommt,
der ihn fotografiert,
und kapiert:
Leben ist Erleben. 

Und trotzdem kommt es raus

Sie sagen es zwar nicht,
aber es kommt trotzdem raus.
Man sieht es ihnen doch an,
all den Bäumen:
Keiner zieht sie an
wie der Herbst.
Warum sonst
sollten sie sich
von ihm ausziehen lassen.
Auf ihn haben sie gewartet,
einen ganzen Sommer lang.
Darauf, dass er kommt,
stürmisch und sanft.

© Andreas Klaene

Total überbewertet

Also, ich weiß ja nicht, aber ich hab so die Ahnung, dass man Ketten enorm überbewertet. Wenn ich mir diese hier mal genau angucke, ist sie auf einmal gar nicht mehr da. Ich kann noch so suchen, sie ist weg. Stattdessen sehe ich lauter Nullen, die Händchen halten, damit sie sich nicht so allein fühlen.

Er gibt den Stacheln zu trinken

Revanche fällt ihm nicht ein.
Sanft schiebt er seinen Rindenmantel
über eiserne Krallen.
Tut es mit Langmut.
Hält aus wie ein Liebender
und gibt den Stacheln zu trinken von dem,
was in ihm steckt.
© Andreas Klaene

Was zum Anlehnen und Aufschauen

Man braucht ja was zum Aufschauen.
Und hin und wieder zum Anlehnen.
Man kann sich auch dran reiben.
Und man kann von so ’nem Riesen träumen.
Und davon, dass man selbst noch viel größer
als er und der Riese nur ein Zahnstocher ist.
Aber dann hat man keinen mehr zum Anlehnen.
© Andreas Klaene