Im engsten Familienkreis

OM-Medien-Kolumne Oktober

In gewissen Situationen kann man einen recht gewöhnlichen Satz wie eine kalte Dusche empfinden. Zum Beispiel diesen: „Die Beisetzung hat im engsten Familienkreis stattgefunden.“ Meistens kann ich diesen Satz ignorieren. Nicht jedoch, wenn ich beim Zeitunglesen völlig unvorbereitet in einer Todesanzeige auf den Namen eines Menschen stoße, der mir wichtig war. In solchen Momenten wird mir schlagartig klar, dass mir nichts mehr möglich ist. Kein letztes Gespräch, nein, nicht einmal das, was der Volksmund als letzte Ehre am noch offenen Grab bezeichnet. Dass die Anzeige mir nicht verrät, wann die Trauerfeier stattgefunden hat, kann ich dann irgendwie noch schlucken. Aber wenn sie nicht einmal den Beisetzungsort preisgibt, kommt ein flaues Gefühl auf. Warum? Weil es mir wichtig ist, jederzeit die Möglichkeit zu haben, das Grab eines Menschen aufzusuchen, der mir nahestand. 

Mir ist schon klar, dass kaum einer den zitierten Satz mit ausgrenzender Absicht formuliert. Corona hat ihn uns einst diktiert, und wir haben uns weitenteils an ihn gewöhnt. Doch genau das sollten wir nicht tun, jetzt, wo Corona auf Beerdigungen längst nicht mehr so viel zu sagen hat. Natürlich kann man todverachtend über formalisiertes und ritualisiertes Trauern lächeln, aber das Wort von der letzten Ehre war, ist und bleibt ein wertvolles Wort. Denn auch wenn man die Niedergeschlagenheit der Angehörigen nicht teilt, ehrt man so den Verstorbenen und die, die um ihn trauern. Und noch etwas: Neben dem frischen Erdhügel verharrend, stehen Zeit und Leben ein paar Atemzüge lang still. Man taucht für Sekunden in sich selbst ein und spürt die eigene Seele, die ihre Endlichkeit begreift. 

Die nun beginnenden Novembertage stehen kalendarisch nicht nur für eine Kultur der Trauer, auch – und nicht zuletzt – für Erinnerungen und hoffnungsvolle Gedanken. Eigentlich bräuchte ich den November nicht. Gewissermaßen begehe ich ihn in Momenten jeglicher Jahreszeiten. Immer dann, wenn mir ein Mensch in den Sinn kommt, der vielleicht schon 30, 40 Jahre tot ist. Manchen von ihnen bin ich nur selten begegnet. Dennoch erkenne ich sie als Baumeister und -meisterinnen dessen, was ich bin. Sie haben einst etwas gesagt oder getan, das mich aufhorchen ließ. Manches hat mich so beeindruckt, dass ich es mir nie merken musste: Es hat sich in meine Erinnerungen geritzt. Und nicht nur das: Ihr Denken, ihre Äußerungen, ihre Art zu leben haben mich angesteckt. So, dass ich mich an ihrem Wesen noch heute orientiere.

Manchmal denke ich, wie wunderbar es doch wäre, wenn sie mitbekämen, welche Rolle sie nach all der langen Zeit für mich noch immer spielen, wenn sie wüssten, dass sie in mir präsent sind, und dass ich mir einen Teil ihres Seins abgekupfert habe. Ich fühle mich bereichert, wenn mir bewusst wird, wie sehr diese längst verstorbenen Männer und Frauen in mir ihr Leben führen. Und ich empfinde Dank. 

Das Wort „Dank“ hat seinen Ursprung übrigens in dem Wort „Denken“. Die Etymologie beschreibt es als das „Denken an eine empfangene Wohltat.“ Ein Grab kann einen bei solcher Denkerei prima unterstützen. Aber nur, wenn man weiß, wo man es findet.

Ich durfte mitmachen

Sehr persönliche Gegenstände sind es, die Menschen auf ihrer letzten Reise mitführen möchten. Sie sind in einer Ausstellung des Kulturbahnhofs Cloppenburg zu sehen.
Was ich auf meiner letzten Reise bei mir haben möchte, sind außer einem Stift und einem Heft für Notate ein paar tote Begleiter. Wer die sind, das habe ich für die Ausstellungsbesucher aufgeschrieben. Zu lesen ist es an der Wand neben meinem Koffer. Und hier.

Was ist wirklich wichtig? Was bleibt am Schluss? Was nehme ich mit? Sich diesen Fragen zu stellen ist nicht einfach. Das Cloppenburger Hospiz wanderlicht konfrontiert eine Reihe von Menschen aus der Region dennoch ganz offensiv mit diesen Fragen. wanderlicht lud Menschen unterschiedlichster Herkunft ein, ihren ganz persönlichen Koffer für ihre letzte Reise zu packen. Die Koffer sind in einer Ausstellung des Kulturbahnhofs Cloppenburg zu sehen. Ihre Inhalte sind so unterschiedlich wie die Männer und Frauen, die sie aus ihren unterschiedlichen Biografien heraus und mit ihren ganz persönlichen Träumen und Weltanschauungen zusammengesucht haben.

Ich freue mich sehr darüber, dass die Initiatoren der Ausstellung auch mich eingeladen haben, meinen Koffer zu packen. Da ich mich mit diesem Thema schon häufig auseinandergesetzt hatte, musste ich kaum eine Sekunde lang darüber nachdenken, womit ich meinen Koffer füllen würde. Was ich auf meiner letzten Reise bei mir haben möchte, sind außer einem Stift und einem Heft für Notate ein paar tote Begleiter. Und wer die sind, das habe ich für die Ausstellungsbesucher aufgeschrieben. Zu lesen ist es an der Wand neben meinem Koffer und hier:

Meine toten Begleiter

Ich habe so einige tote Begleiter. Einige von ihnen sind bereits vor 30, 40 Jahren gestorben. All diese Menschen sind für mich viel mehr als eine schöne Erinnerung. Sie sind Baumeister und -meisterinnen dessen, was ich bin. Sie haben einst etwas gesagt oder getan, das mich aufhorchen ließ. Manches hat mich so beeindruckt, dass ich es mir nie merken musste: Es hat sich in meine Erinnerung geritzt. Und nicht nur das: Ihr Denken, ihre Äußerungen, ihre Art zu leben haben mich angesteckt. So, dass ich mich an ihrem Wesen noch heute orientiere. Das will ich auch auf meiner letzten Reise tun, mich an ihnen orientieren. Darum nehme ich sie mit.

Immer wieder kommt mir in den Sinn, wie wunderbar es doch wäre, wenn sie mitbekämen, welche Rolle sie nach all der langen Zeit für mich noch immer spielen, wenn sie wüssten, dass sie in mir präsent sind, und dass ich mir einen Teil ihres Seins für mich abgekupfert habe. Ich fühle mich bereichert, wenn mir bewusst wird, wie sehr diese längst verstorbenen Männer und Frauen in mir ihr Leben führen. 

Elisabeth zum Beispiel. So habe ich sie nie genannt, ich habe sie zeitlebens gesiezt. Als Jugendlicher saß ich neben ihr auf dem Beifahrersitz. Wir düsten mit 170 über die Autobahn, sie hielt ihr Lenkrad einhändig, ihr Blick zielte geradeaus. Sie fragte mich, wie es nach meiner Lehre weitergehe. Ich sagte, ich fände es toll, mein Abi nachzuholen, sei mir aber nicht sicher, ob ich das schaffen würde. Mit unverändertem Geradeausblick sagte sie: „Andreas, du kannst alles, was du willst, du musst es nur richtig wollen.“ Diese Aussage war eine Dröhnung in meinem Leben. Damals fehlte es mir nämlich noch arg an Selbstbewusstsein. Und da ich große Stücke von dieser klugen bis weisen Frau hielt, verpuffte ihr Satz nicht in mir. Er wurde zum Gaspedal in meinem Leben.

Oder Gerda: Ich lernte sie in meiner Kindheit kennen, geriet aber erst vor ein paar Jahren so richtig mit ihr in Kontakt. An ihrem Kaffeetisch sagte sie mir, dass sie bald sterben müsse. Ich war geplättet. Nicht nur wegen dieser Aussage, mindestens ebenso sehr wegen ihrer völlig gelassenen, ja, fast fröhlichen Ausstrahlung. Vorsichtig fragte ich sie, ob sie Angst habe. Sie sagte: „Nein, ich habe ja ein sehr langes und auch gutes Leben gehabt.“ Es fiel mir nicht schwer, ihr zu glauben, und ich habe die Ahnung, dass ihre Art aufs Leben zu schauen mir hilft, wenn meines mal zu Ende geht.

Und noch ein Mensch, der meinem Denken neue Farben gab: Ewald. Er war mein Kollege und erkrankte mit etwas über Vierzig schwer an Parkinson. Ich bekam sein jahrelanges Leiden mit. Oft intensiver als ich wollte. Manchmal fragte ich ihn, wie es diesmal in der Uniklinik war und wie es ihm nach der neuen Behandlung gehe. Und er, dessen Antwort ich wegen seiner schrecklichen Gesichtszuckungen kaum verstehen konnte, sagte mir: „Ach, weißt du, mir geht es gut.“ „Wie das?“, fragte ich. „Im Wartezimmer saß eine junge, richtig attraktive Frau. Sie war noch viel schlimmer dran als ich. Und da habe ich begriffen, dass es bei mir doch kaum was zu klagen gibt.“

Die Erinnerung an ihn ist für mich wie eine Brille. Sie hilft mir oft, nicht nur das zu sehen, was mich ärgert und belastet. Durch sie sehe ich auch, was mich Schönes umgibt.

Diese und noch eine ganze Reihe weiterer Menschen sind in meinem Kopf beziehungsweise Herzen. Darin haben sie mehr Raum als in jedem Koffer. Und von dort aus werden sie mir lautlos Mut machen, den Weg ins Unbekannte zu gehen. Sie alle gehören zwar meiner Vergangenheit an, aber die ist nicht tot. Sie ist nicht einmal vergangen, denn sie lebt in mir.

Er hatte keine Wahl

OM-Medien-Kolumne September

Manche Väter prägen ihre Söhne auf dramatische Weise. Laurence Gonzales hatte so einen. Sein Vater war Kampfpilot bei der US-Airforce. Als er im Januar 1945 einen Angriff auf Düsseldorf flog, wurde er in 8000 Metern Höhe abgeschossen. Seinen Fallschirm bekam er nicht zu packen. Er hatte keine Wahl, konnte nur fallen. Dennoch kam er lebend unten an. Alle möglichen Knochen waren gebrochen, aber nicht das Genick. Das war sein ungeheures Glück. 

Laurence, seinen Sohn, hielt das nicht davon ab, Kunstflieger zu werden. Später wurde er Journalist und Autor. Für seine Bücher „Deep Survival“ und „Flight 232“ erhielt er zahlreiche Preise. Die Katastrophe seines Vaters ging ihm nie aus dem Kopf. Seit Jahrzehnten forscht der 74-Jährige nach Antworten auf die Fragen: Gibt es eine Formel zum Überleben in Notsituationen? Wie trifft man dann die richtige Wahl?  

Im Interview mit Süddeutsche Zeitung sagt er, echten Überlebenskünstlern helfe ihr schwarzer Humor und die Konzentration auf das Schöne im Leben. Ebenso ihre Entscheidung zum Altruismus: „Wenn Sie sich um jemanden kümmern, der schwächer ist als Sie, werden Sie vom Opfer zum Retter.“ Das mache psychologisch einen großen Unterschied. Denn „je mehr man über jemand anderen nachdenkt, desto weniger denkt man über sich selbst und seine Probleme nach.“

Meistens haben wir die Wahl, uns so oder so zu verhalten. Die Wahl zu haben, ist ein Privileg. Das wird erst so richtig bewusst, wenn man, wie Gonzales’ Vater, keine hat. Klar, wer vor einer Entscheidung steht, steht oft auch vor einem Problem: Das kann schon am frühen Morgen aufkreuzen, beim Blick in den Kleiderschrank oder später beim Italiener, wenn sich gleich die komplette Speisekarte als Gaumenstreichler gebärdet. Noch schwieriger wird es vor fundamentalen Entscheidungen: bei der Frage, welchen Beruf ich ergreife, ob und wen ich heirate, ob ich Kinder in diese Welt setze oder wen ich am 9. Oktober in Niedersachsens Landtag wähle.

Klar, Entscheidungen können schwer fallen, vor allem dann, wenn mir nicht klar ist, was ich will. Zum Beispiel weiterhin wie gejagt über die Autobahn heizen oder alles daransetzen, dass der klimakollabierende Erdball nicht abfackelt. 

Diesbezüglich bringt Petra Pinsler in der Zeitung DIE ZEIT zwei schwierige aber merkenswerte Wörter ins Spiel: „kognitive Dissonanz“. Der Begriff kommt aus der Psychologie. Fachleute verwenden ihn, wenn das Verhalten von Menschen nicht zu ihrer Wahrnehmung passt, wenn also eine Dissonanz entsteht. Da wir keine Dissonanzen mögen, blenden wir in komplizierten Lagen gern die Wahrnehmung aus, statt neue Entscheidungen zu treffen und unser Verhalten zu ändern. Wie etwa ein Alkoholiker. Er weiß, dass er sich ruiniert, säuft aber weiter, weil er sich daran erinnert, dass Onkel Josef saufend fast 90 geworden ist.  

Manchmal mag es ja verführerisch sein, sich in Oblomow-Manier morgens gar nicht erst anzuziehen und jede Entscheidung zu verpennen. Aber bin ich dann um eine Wahl herumgekommen? Nein. Der Existentialist Sartre erklärt, wieso. Er sagt: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Damit meint er: Auch wer sich um eine Entscheidung herumdrückt, hat seine Entscheidung bereits gefällt. Nämlich die, nichts zu verändern.

Sehnsucht

Ein Bild des britischen Regisseurs Isaac Julien. Gefunden im Bremer Museum Weserburg.

Manchmal, 
wenn sie ganz nah mir ist, 
glaube ich, sie zu hassen.
Kehrt sie dann endlich mir 
den Rücken zu,
entweichend in die Straßen
meiner fernsten Ziele,
fange ich an, sie zu ersehnen
und kann schon schmecken
der Sehnsucht bittersüßen Namen.

Ich frage mich, 
was ich an ihr so mag,
ist doch Erfüllung nur
der Schluss gelackter Utopie.
Wahrscheinlich ist’s der Sehnsucht Geist, 
der leis dem tiefsten Wollen sagt,
dass die Erfüllung 
meiner größten Wünsche
mich niemals macht
so glücklich wie gedacht.

So gleite ich, 
die Sehnsucht liebend,
mit der Ebbe schmerzlichen Vermissens 
ins tiefe Meer des Wollens.
Fest halte ich der Sehnsucht Hand,
spüre Glück mit ihr an meiner Seite, 
schenkt sie doch meinem Leben Ziel.
Und bleibt mein größtes auch 
für immer unerreicht,
so seh ich mit der Sehnsucht neben mir 
doch stetig Land.
Denn wäre sie nicht da,
wär es mein Untergang.
*
Dieses Foto ist das Foto von einem Foto. Das Original hat der britische Regisseur Isaac Julien gemacht hat. Ich habe es im Bremer Museum Weserburg fotografiert. Dazu schreibt das Museum: „Die Kälte des Tagungsraumes, seine strenge Fensterfront im kühlen Schwarz-Weiss vermitteln den Eindruck arrangierter Künstlichkeit. Auch die Hausangestellte wirkt wie ein Teil der sterilen Einrichtung. Aber ihre Haltung erinnert an romantische Rückenfiguren mit ihrem sehnsuchtsvollen Fernblick. Ihr Blick jedoch verliert sich in einer Vielzahl unpersönlicher Hochhäuser. Das Foto ist eine eigenständige Bilderzählung, obwohl es als Teil einer mehrteiligen Fotoserie im Zusammenhang mit Juliens Filminstallation Playtime (2014) entstand.“

Ganz plötzlich reich

OM-Kolumne August

Wenn ich will, dass Sie meine Kolumne lange im Kopf behalten, sollte ich mir ein anderes Thema suchen. Mein heutiges ist nämlich zu positiv. Denn wir suchen eher negative Infos, und wir verarbeiten sie auch schneller und intensiver als positive. Das ist wissenschaftlich belegt. „Verantwortlich dafür ist unser Steinzeithirn“, sagt die Kölner Professorin für Medienpsychologie Maren Urner. Aus evolutionspsychologischer Sicht sei dies ein Überlebensvorteil. „Denn eine verpasste negative Nachricht hat in Zeiten von Säbelzahntiger und Mammut den Tod bedeuten können.“ 

Dennoch werde ich heute nicht darüber schreiben, dass Hiroshima heute vor 77 Jahren durch eine Atombombe vernichtet wurde. Auch nicht über die beängstigenden Folgen des Klimawandels und auch nicht darüber, dass sich die Taiwan-Frage derzeit zum Großkonflikt der Großmächte USA und China hochschaukelt. Klar, wer nicht tatenlos abwarten will, bis er von einem autokratischen Säbelzahntiger neuzeitlicher Provenienz verschluckt wird, muss informiert sein. Ständiges Stieren auf solche Nachrichten hält allerdings kaum jemand aus. Es macht hilflos, hoffnungslos und depressiv. 

Wie es in dunkelsten Phasen gelingen kann, Licht in jeden Tag zu bringen, hat der britische Autor Duncan MacMillan in seinem Theaterstück „All das Schöne“ gezeigt. Die Zeitung THE GUARDIAN rezensiert: „Ein lebensbejahender Monolog über ein todernstes Thema, herzergreifend und völlig unsentimental.“ MacMillans Protagonistin ist eine Siebenjährige. Sie schreibt eine Liste für ihre depressive Mutter, die versucht hat, sich umzubringen. Auf der steht all das, was das Kind schön findet, und es hofft, dass seine Mutter diese Liste wirklich liest und nicht nur ihre Rechtschreibfehler korrigiert. 1: Eis, 2: Wasserschlachten, 3: Länger aufbleiben dürfen als sonst und fernsehen. Zehn Jahre später unternimmt die Mutter einen zweiten Selbstmordversuch. Das Mädchen wird auch als Jugendliche nicht müde, die Liste weiter zu schreiben. 823: Nacktbaden, 999: Sonnenschein. Die junge Frau geht zum Studium, verliebt sich, doch tief in ihr sitzt eine Traurigkeit, die sie sich nicht eingestehen mag. Mit dem Leben wächst die Liste, nähert sich der millionsten Eintragung. 999 997: Das Alphabet. 999 998: Eine Aufgabe abschließen. 

Duncan MacMillans Text ist ein rauschendes Plädoyer für das, was uns Mut macht. Er lässt uns sehen, wofür es sich lohnt, jeden Tag aufzustehen. Er verführt uns, die Kleinigkeiten im Leben anzuschauen und uns daran zu erfreuen, um nicht an den großen Problemen zu verzweifeln.

Was Freude bringt, kann nur jeder Mensch für sich herausfinden. Wer dabei ständig nach Großartigem sucht, muss damit rechnen, das Eigentliche zu übersehen. In der Wochenzeitung DIE ZEIT berichten Leserinnen und Leser in wenigen Zeilen über ihre Kleinigkeiten. Zum Beispiel eine Frau, die Urlaub in England gemacht hat: Nach ihrer abendlichen Laufrunde kam sie rotgesichtig und erschöpft ins Dorf zurück. Ein alter Mann im Rollstuhl lächelte ihr entgegen. Während sie an ihm vorbeihechelte, hörte sie ihn fragen: „Brauchen Sie eine Mitfahrgelegenheit?“ 

Warum sie uns das erzählt? Weil es ihr Leben ganz plötzlich reicher gemacht hat.

Waldgestalten

Hab so oft schon mich gefragt,
warum ich euch so mag,
euch Waldgestalten.
Ist’s der Kiefern wilder Wuchs,
der still mir meine Starrheit zeigt,
bis Wildheit endlich auch in mir
gedeihen kann?
Ist es das kathedrale Dach der Buchen,
das meinen Blick zum Himmel lenkt
und meiner Schwere Flügel schenkt?
Oder ist’s des Farns Genügsamkeit, 
die stumm mich lehrt,
dass Leben auch auf Schattenseiten
palmengleich mit Schönheit prassen kann?

Gewiss, das alles ist‘s.
Doch im Tiefsten mich erhellt,
wenn all ihr Kiefern, Buchen, Farne euch,
vom Wind bewegt,
zum Tanz der Wälder schwingt.
So verschieden ihr auch seid,
ist Harmonie doch euer einzig Ziel,
wenn nach des Himmels Dirigat 
ihr euren Leib mal neigt, 
mal hebt, 
und der Welt vor Augen führt, 
wie Einklang geht.

Geheimnisvolle Hülle

Kann’s sein,
dass ich zu wenig Beachtung
dir geschenkt?
Mir schwant,
dass viel mehr du bist
als schnöde Verpackung.
Schau ich genau dich an,
entdeck ich das Wort.
Es ist dir so ähnlich,
muss deine Schwester sein.

Das Wort 
ist talentiert wie du,
verhüllt Wahrheit wie Lüge,
Bewunderung wie Hass.
Immer ist das Wort für mich da,
kommt mit Schulterklappen daher,
kreuzt im Talar bei mir auf,
und bietet selbst 
im weihräuchernden Habit
mir seine 
verpackenden Dienste an.

Mal verhüll ich eigne Niederlagen
mit ballernden Wortkanonaden,
mal wickelt das Wort mich ein,
und manchmal, 
verwickelt’s mich in Gedanken, 
die ich nie gedacht, 
in denen ich mich suche
und niemals find. 

Und manchmal schafft’s das Wort, 
Händen gleich,
mich anzuziehen. 
Wenn das geschieht, 
zieht’s bald mich auch aus, 
und entdeck ich 
meine Blöße dann, 
seh ich in ihr 
mein schönstes Gewand.

Überleg ich es recht, 
so liebe ich dich, 
geheimnisvolle Hülle. 
Egal, wie du bist,
ob edel glänzend 
oder grau wie Packpapier, 
du bist die Haut,
die meiner Hoffnung 
Formen gibt.

Flucht kennt keine Grenzen

Auf eigne Wände
ist Verlass.
Sie bleiben, wo sie sind, 
nehmen’s geduldig hin, 
wenn wir uns an sie lehnen. 
Und wenn keiner kommt,
uns zuzuhörn, 
eigne Wände sind da,
schenken uns 
ihr steinernes Ohr.

Wände,
von Barbaren gebaut,
kreuzen auf Fluchtwegen auf,
haben Beton im Ohr,
damit keine Träne in sie dringt,
die Hasswände sprengt. 
Doch Flucht 
kennt keine Grenzen,
macht Paradiese menschenleer,
bis Barbaren 
nichts als eigene Wände erblicken
und im Rückwärts 
ihr einsames Vorwärts sehen.

Schwer auszuhalten

OM-Kolumne Juni

Seit Wochen kommt mir ein gruseliger Gedanke: Ich stelle mir vor, engagiert und erfüllt in einem Unternehmen zu arbeiten. Von Anfang an stehe ich voll hinter dessen Konzept. Was ich dort tue und erreiche, ist mir oft wichtiger als mein Gehalt. Und dann kapiere ich, dass eine ganze Reihe meiner Kollegen Verbrecher sind. Ich kann es kaum glauben, ist aber Fakt. Was sie getan haben, kommt glücklicherweise an die große Glocke. So gibt es zumindest die Chance, den Geschädigten zu helfen. Wo ich auch aufkreuze, jeder spricht mich auf den Laden an, für den ich mich einsetze. Ich werde mit Zweifeln betrachtet. Und bald wird für mich das bisher Undenkbare denkbar: Ich muss da weg. Das Geschehene ist ein Alptraum, bedroht aber weder meine wirtschaftliche noch meine seelische Existenz. Ich werde halt einen anderen Job finden.

Katholische Priester sind wegen der sexuellen Straftaten ihrer Kollegen in einer ähnlichen Situation. Sie könnten – wie ich – den Job wechseln. Das ist jedoch blanke Theorie, denn Priester ist man nicht geworden, um ein sicheres Einkommen zu generieren. Priester wird man, weil man für die Leitidee des Unternehmens Kirche brennt und glaubt, mit dieser Idee Menschen zu einem menschlicheren Leben zu verhelfen. Unzähligen gelingt das, unzählige andere aber haben Menschen das Leben zur Hölle gemacht. Letzteres muss zumindest für all die geweihten Arbeitnehmer der Firma Kirche, die Wertvolles leisten, schwer auszuhalten sein. 

Einer aus der obersten Führungsetage des Bistums Speyer hat es nicht ertragen: Generalvikar Andreas Sturm. Er hat die katholische Kirche verlassen. Noch nie ist ein solcher Hierarch gegangen. Sein Abgang ist eine Detonation im Felsen Kirche. Sturms Begründung: „Ich habe Hoffnung und Zuversicht verloren, dass die römisch-katholische Kirche sich wandeln kann.“ Der Titel seines Buches drückt es krasser aus: „Ich muss raus aus dieser Kirche, weil ich Mensch bleiben will.“

Auch in Limburg ist einer gegangen. Auch hier jemand in herausragender Position: Christof May. Er war Regens, also eine Art Ausbilder derer, die zwischen Studium und Weihe im Priesterseminar leben. May hatte im Januar in einer Predigt darüber gesprochen, dass die Missbrauchsopfer aus dem Blick geraten und dann gesagt: „Tagtäglich muss ich um die eigene Bekehrung beten und bitten, dass das, was ich sage, durch mein eigenes Leben gedeckt ist, dass ich das, was ich predige, zumindest immer wieder versuche, umzusetzen. Und jeden Abend auf der Bettkante muss ich sagen: Christof, du hast es wieder nicht auf die Kette gekriegt – und um Verzeihung und Bekehrung bitten für mich selbst.“ May hat sich am 10. Juni das Leben genommen. Am Tag zuvor hatte Bischof Georg Bätzing ihn von seinen Aufgaben entbunden. Er wollte die Vorwürfe klären, die gegen ihn erhoben worden waren.

Andreas Sturm musste raus aus der Kirche, weil er alle Hoffnung verloren hatte. Christof May musste raus aus dem Leben, weil er seine Art zu leben nicht mehr ausgehalten hat. In seiner Predigt sagte er notzitternde Sätze. Sie schrien nach Nähe, Halt, Geborgenheit. Doch das alles ist für Priester im kirchlichen System schwerer zu bekommen als ein Gespräch mit dem Papst. 

Bis das Zwerchfell flattert

OM-Kolumne zum Mai

Eigentlich kann ich mich glücklich schätzen. Wenn meine Stimmung nämlich mal finster ist, weiß ich immerhin, wo der Lichtschalter sitzt. Ich muss nur die richtige Musik einschalten. Und das so laut, dass die Bässe meines Subwoofers das Zwerchfell flattern lassen. Das Verrückte ist, dass ich manchmal dennoch nicht zum Schalter greife. So auch kürzlich. Per Skype hatte ich ein langes Gespräch mit einem befreundeten Ehepaar. Endlich, denn tagelang waren die beiden in Odessa nicht zu erreichen. Nun sind sie vor dem russischen Beschuss geflohen und in Wien angekommen. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Dennoch setzte mir das Gespräch zu. Ich hörte, was sie mitnehmen konnten: das, was in ihren Kleinwagen passte. In ihren Augen sah ich, was sie in Odessa lassen mussten: alles, was ihr Leben ausmachte. 

Nach dem Gespräch schaute ich auf meine Playlist. Zufällig landete mein Blick auf „Leningrad“ von Billy Joel. Er beschreibt in seinem Lied das Leben Victor Razinovs, der seinen Vater während der Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg verloren hatte. Victor wurde Soldat der Roten Armee, versuchte, seinen Schmerz mit Wodka zu lindern und wurde schließlich zum Zirkusclown, um russische Kinder glücklich zu machen. „Leningrad“ war der Sound, den ich jetzt brauchte. Auch der Text, der für mich in diesem Moment nur sekundär war, passte. Aber ich ließ Joel schweigen. Warum? Zu viel Klanggenuss. Jedenfalls unmittelbar nach dem Videogespräch, bei dem ich das Leid von Freunden spüren konnte. Ganz diffus meldete sich ein schlechtes Gewissen.

Die Hamburger Psychotherapeutin Maren Lammers sieht darin ein verbreitetes Phänomen, das einen Namen hat. In der Süddeutschen Zeitung spricht sie von „Überlebendenschuld“, einem Begriff aus dem Vietnamkrieg. Zurück in den USA hätten viele Soldaten sich nicht darüber freuen können, am Leben zu sein. Sie hätten geglaubt, kein Recht mehr auf Unbeschwertheit zu haben. Aktuell gehe vielen die Frage durch den Kopf, ob sie nicht doch mehr gegen das Leid der Ukrainer tun könnten. Daraus entstehe ein Schuldgefühl. Aber man solle genau prüfen, sagt Maren Lammers, wo die eigenen Grenzen liegen. „Es nutzt niemandem, wenn Sie sich überfordern.“ Um helfen zu können, müsse es einem selbst einigermaßen gut gehen. Nicht umsonst heiße es im Flugzeug: „Ziehen Sie erst sich selbst die Sauerstoffmaske über und dann denen, die es allein nicht können.“ Ihr Rat lautet: „Nehmen Sie das Schöne an, das Ihnen das Leben bietet, um daraus Kraft zu schöpfen.“

Lettland schafft das mit Musik. Die ist dort eine mächtige Tradition. Nicht nur, dass jeder Zweite in einem Chor singt, in Zeiten sowjetischen Terrors erlebte das Land, wie stärkend es ist, in der Musik Gedanken und Emotionen miteinander zu teilen. Am 23. August 1989 reichten sich zwei Millionen Lettinnen und Letten 15 Minuten lang die Hände, schufen so eine gigantischen Kette und erfüllten ihre Heimat mit revolutionierendem Gesang. Zwei Jahre später erklärte das Land seine Unabhängigkeit. 

Ich werde wohl kaum zum Revolutionär, aber zu einem, der bei nächster Gelegenheit „Leningrad“ genießt.