Waldgöttlich

Wie anders du doch bist,
du alter Baum, 
so anders als ich.
Weichst nie aus,
stehst waldgöttlich da,
wie einer,
der schon immer 
dort gewesen. 
Bist Souverän 
in deiner Welt, 
die meine atmen lässt.
Bist manchem im Weg, 
aber immer zur Stelle,
bist Konfrontation 
auf geradem Weg 
zum Ziel,
ein Wegweiser, 
der ohne ein Wort 
mir sagt, 
dass so manch Konfrontation, 
die ich meide, 
mehr Feigheit
als Großmut ist. 

Zu mir empor

Kennst nicht die Scheu,
mir in die Augen zu sehn.
Schaust meistens zu mir empor
und fühlst dennoch dich 
nie klein.
Deine Blicke kesseln mich ein,
sind Liebesanschläge
auf mein Sein, 
bringen meine Abwehr 
hinter Gitter,
bis ich beschenkt mich fühle
von deinen Augenblicken
und ahne, 
dass lebenslänglich
Erfüllung wäre.

Vom Sommerkleid befreit

Alles still,
wie lahmgelegt, 
und doch 
von Stillstand keine Spur. 
Silbergrau gewandet 
feiern Zweige, 
Äste, Halme winterfestlich leis 
das Innehalten. 
Vom Sommerkleid befreit, 
sind sie bereit, 
des Frostes weißes Raugewand zu tragen.
Beim Walzer 
klirrend kalter Zeit 
sich wiegend, 
erspüren sie im Miteinander 
der Sonne Weg 
vom Ich zum Du.

Augen, die nicht nur sehen

Möchte Augen haben, 
die nicht nur sehen, 
nicht nur beäugen, 
inspizieren, kalkulieren. 
Wünsche mir, 
dass sie 
Aufmerksamkeit verschenken 
und den Augenblick 
füllen mit einem Leben, 
das in der Seele 
hörbar wird.

Das will doch keiner lesen

Meine November-Kolumne für OM-Medien.

Fast kommt es mir so vor, als würde ich mit dem Schreiben meiner heutigen Kolumne einen Tabubruch begehen. Aber der November wird mir beistehen. Gewissermaßen haben wir ihn ja zu einem Themen-Knast gemacht, in den wir so ziemlich alle Gedanken inhaftieren, die uns besondere Angst bereiten können: Tabu-Themen wie Tod, Sterben und jeden auch nur ansatzweise morbid riechenden Gedanken. Alle Herbste wieder geben wir diesen Themen zu Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag und zum Volkstrauertag ritualisiert Freigang und hoffen, dass sie spätestens zum Advent alle wieder in ihrer Zelle sind. Aber wir können nicht davon ausgehen, dass sie dort bleiben. Finsterste Gedanken brechen zuweilen aus. Zum Beispiel dann, wenn uns jemand mitteilt, dass er todkrank ist, oder wenn ein Mensch aus unserem engeren Umfeld gerade gestorben ist. 

Heutzutage sind wir vor diesen Themen so sicher wie nie zuvor. So richtig spürbar wuchs diese Sicherheit 

„Das will doch keiner lesen“ weiterlesen

Gespräch über eine nicht alltägliche Frau

Jana Menke, Redakteurin der CLPNews, hat mich besucht. Sie wollte wissen, was mich getrieben hat, mich so intensiv mit der Frau zu befassen, die ihren Mann erschossen hat und die in meinem Tatsachenroman Totgeliebt Karin Krogmann heißt.

Mein Oktober-Geständnis

Es waren die Redaktionen von „Münsterländische Tageszeitung“, „Oldenburgische Volkszeitung“ und „OM-Medien“, die mich baten, alle paar Wochen für sie eine Kolumne zu schreiben. Hier mein Oktober-Geständnis. War mir wieder einmal ein Vergnügen.

Zugegeben, auch ich tue es. Immer wieder. Heute ist es mir (glaube ich) noch nicht passiert, aber gestern. Da fragte mich die Tochter eines Freundes, wie ich ihre neue Frisur fände. Wäre ich ganz spontan ehrlich gewesen, hätte ich gesagt: „Entsetzlich.“ Schließlich hatte ich Vivi im ersten Augenblick überhaupt nicht erkannt. Von ihrer bisherigen Haarpracht war ja lediglich der Charme einer Auslegeware geblieben. Fehlte nur das Etikett mit der Aufschrift: „1 Millimeter, rutschfest, pflegeleicht.“ Während ich in ihren nach wie vor anmutigen Gesichtszügen hilflos nach einer salonfähigen Antwort suchte, fiel mir eine ein: „Joaaaa, steht dir.“ „Mein Oktober-Geständnis“ weiterlesen

Zur Unendlichkeit

Weit, weit draußen, 
dort, wo des Himmels 
weiße Wolkenkissen 
all irdisches Getöse 
still in Sanftheit betten, 
muss die Unendlichkeit 
zu Hause sein. 
Würd‘ sie 
so gern erreichen, 
eins mit ihr werden, 
in ihr schwebend 
eigene Gedankendeiche 
fluten. 
Viel zu lang schon
stapft ich im Schlick 
meines Sehnens 
ihr hinterher, 
bis eigene Endlichkeit 
fast mich verschlungen.
Nun schau‘ ich 
auf den Kompass, 
den sie mir geschenkt. 
Er sagt: 
Zur Unendlichkeit 
geht’s weder vor 
noch zurück. 
Sie ist in dir.

Du musst sie lieben

Oh Nacht, 
du musst sie lieben, 
all die Halme und Sprosse,
die ihr Ich kaum erfahren,
im Wir ein Leben lang 
Weide sind. 
Hast für sie
in lichtfernen Stunden 
deine Schätze 
aus nachtkühlen
Schatullen geholt, 
jeden Halm, jeden Spross 
mit deinem Tau geziert. 
Einen prachtvoller 
als den anderen. 
Und wenn der Tag 
zur Wachablösung 
dir gute Nacht gesagt, 
ist’s, als hättest du 
dein diamantenes Kleid 
abgestreift, 
damit des Morgens Sonne 
ihre eigne Pracht
in der Weide 
glitzerndem Gewand 
erkenne.