Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Gastkolumne in OM-Medien zum 3. Februar

Sie lässt sich schlichtweg alles gefallen. Man kann ihr vorwerfen, Hass zu schüren, die Inflation voranzutreiben und sogar Kriege anzuzetteln – sie lässt jeden Schuldspruch über sich ergehen. Und das auf geradezu devote Weise. Aber es ist nicht richtig, ihr jeden Mist in die Schuhe zu schieben. Okay, hin und wieder loben wir sie auch übern grünen Klee. Zum Beispiel dann, wenn wir sagen, sie, die Zeit, heile alle Wunden. Aber auch das ist nicht richtig. Es ist sogar Unfug, denn die Zeit tut nichts. Sie ist einfach nur da, steht uns zur Verfügung. Jederzeit. Dennoch ist es gar nicht so leicht, liebevoll mit ihr anzubandeln. Befragt nach unserer Beziehung zur Zeit, müssten wohl die meisten sagen: Es ist kompliziert. Wie sehr das zutrifft, verrät schon das Wort „Zeitvertreib“. Es klingt, als wollten wir böse Geister vertreiben. 

Aber warum vertreiben, steckt doch in jedem Tag, jedem Moment ein ganz besonderes Flair: das der Unwiederbringlichkeit. Leider nehmen wir es nur selten wahr. Wenn wir die Geburt eines Kindes miterleben, wird das Flair einer neuen Zeit beeindruckend spürbar. Wenn wir einen geliebten Menschen sterben sehen, erwischt uns die ganze Wucht einer zu Ende gehenden Zeit mit ihrer Unwiederbringlichkeit.

Wer nicht den Verlust eines Menschen zu ertragen hat, spürt in dieser Zeit der Kriege und menschenverachtenden Naziparolen den Verlust jeglicher Sicherheit. Allerorts sucht man nach Worten für das aktuelle Geschehen und nennt es Zeitenwende. Mittlerweile habe ich etwas gegen diesen Begriff, denn er lähmt, weil er impliziert, dass die Zeit eh nur ihr eigenes Ding macht. Aber das ist ein Irrglaube. Halten wir an ihm fest, können wir kaum noch anders, als in Schockstarre zu fallen. Das wäre dann sinnlos vergeudete Zeit. 

Wenn ich nun sage, Dankbarkeit könnte eine belebende Alternative sein, klingt das vielleicht erstmal wie ein schlechter Witz. Aber danach ist mir nicht zumute. Jeder, der schon einmal schwer erkrankt war, kennt das Sehnen nach Genesung. In solchen Phasen wäre wohl jeder unendlich dankbar für Gesundheit. Im Alltag nehmen wir fast alles als selbstverständlich gegeben hin. Erst wenn etwas fehlt, erkennen wir glasklar dessen Wert.

Das sollten wir schleunigst ändern. In diesem noch so jungen Jahr sehe ich dazu eine prima Gelegenheit. Weil 2024 ein Schaltjahr ist, spendiert uns der Februar einen Tag mehr als sonst. Mein Vorschlag: ihn nicht mit noch mehr Aufgaben zu füllen und ihn einfach pflichtbesoffen zu schlucken. Ich stelle es mir belebend vor, diesen Tag (oder einen anderen) bewusst wie einen zu betrachten, der für uns von irgendeinem Stern gefallen ist. Es geht nicht darum, an diesem Tag die rosarote Brille aufzusetzen, sondern darum, uns auf wertvolle Kleinigkeiten im Alltag zu konzentrieren

 – auf das behaglich warme Zimmer, auf das Wunderwerk eines Schneekristalls oder auf das freundliche Lächeln eines Menschen, von dem wir nichts als Kritik erwartet haben. Oder wir könnten uns fragen, welche Menschen uns durch ihr Wesen bereichert haben. Ein Danke, das wir dann über die Lippen bringen, ist bestens verbrachte Zeit. Denn es wirkt wie ein Bindemittel in einer aus den Fugen geratenen sozialen Welt.

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