Nichts los. Lungernde Leere. Gedanken klopfen an, kehren zurück wie längst gegangene Gäste, betreten das Nichts, kreisen auf der Tanzfläche der Erinnerungen. feiern und streiten, lieben, begehren, rechnen ab. Das Jetzt bringt sie aus dem Takt. Keiner setzt sich. Sie tanzen ins Nichts.
Mit weißem Himmelsstaub bedeckt der Winter Bäume, Felder, Dächer, reicht dem Jahr das Nachtgewand, will uns führn zur Traumesstille, aus der hellwach wir schaun auf das, was kommen mag.
Ich mag dich, du zartes Nebelgewand. Wenn du die Welt mit dir umhüllst, ertasten meine Augen Formen wie einer, der entnebelte Blöße sucht. Bald hör ich dich flüstern, hör, wie du tuschelst mit meiner Fantasie, ihr ungewisse Versprechungen machst. Und im Ungewissen entdecke ich Leben. Bis ich es rückwärts lese, dieses Leben, und dich in ihm erkenne, dich, meinen Freund, den Nebel.
O Nacht, du musst sie lieben, all die Halme und Sprosse, die ihr Ich kaum erfahren, im Wir ein Leben lang Weide sind. Hast für sie in lichtfernen Stunden deine Schätze aus nachtkühlen Schatullen geholt, jeden Halm, jeden Spross mit deinem Tau geziert. Einen prachtvoller als den anderen. Und wenn der Tag zur Wachablösung dir gute Nacht gesagt, ist’s, als hättest du dein diamantenes Kleid abgestreift, damit des Morgens Sonne ihre eigne Pracht in der Weide glitzerndem Gewand erkenne.
Alles still, wie lahmgelegt, und doch von Stillstand keine Spur. Silbergrau gewandet feiern Zweige, Äste, Halme winterfestlich leis das Innehalten. Vom Sommerkleid befreit, sind sie bereit, des Frostes weißes Raugewand zu tragen. Beim Walzer klirrend kalter Zeit sich wiegend, erspüren sie im Miteinander der Sonne Weg vom Ich zum Du.
Bevor des letzten Tages Kerze ausgebrannt, will ich lernen, hellwach die Nacht zu verehrn. Nicht die eine, die alle erwartet, nein, jede, die mir enthüllt, was kein Tag mir zeigen kann. Denn du, finstre Nacht, schenkst mir der Sterne Leuchten, während du selbst dich im Mondlicht sonnst. Im Meer der Träume schlägst du meine Angstfregatten leck und lässt sie in dir untergehn.
Wissen kann richtig weh tun. Das habe ich kürzlich bei einer Einladung zum Kaffee begriffen. Am Tisch ging es nicht ausschließlich um die köstliche Marzipantorte der Gastgeberin, auch um die unappetitlichen Themen dieser Zeit. Damit hatte ich durchaus gerechnet, da ich in einer Runde informierter und kritischer Köpfe saß. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass mein Gegenüber die Tagesschau an den Pranger stellte. Die Anklagepunkte lauteten: nur noch schreckliche Nachrichten, übertrieben dramatisiert und nicht mehr auszuhalten. Ein Blick ins empörte Gesicht der Klägerin sagte mir zweifelsfrei: Aktuelle Kriseninfos haben ihre Schmerzgrenze massiv überschritten.
Unser Bundespräsident drischt nicht auf professionelle Medien ein, aber er kann nachvollziehen, was in Konsumenten aktueller Nachrichten vorgeht. In seiner Rede zum 100. Geburtstag des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein beklagte er eine „News-Erschöpfung“. Immer weniger Leser, Hörer und Zuschauerinnen schafften es, so Frank-Walter Steinmeier, in den sich „überstürzenden Nachrichtenlagen“ den Überblick und die Nerven zu behalten. Von Bürgerinnen und Bürgern wisse er, dass viele „in einer Art Selbstschutz“ zu Nachrichten-Verweigerern werden. „Andere ziehen sich zurück in eine Parallelwelt, in der Wahnsinn, Verschwörung und erfundene Wahrheit regieren.“
Steinmeiers Eindrücke werden vom Hamburger Hans-Bredow-Institut untermauert. Laut dessen Untersuchung meiden 45 Prozent der Befragten in Deutschland Nachrichten über den Krieg in der Ukraine und 27 Prozent Informationen über den Klimawandel. Schmerzhafter Haken an der Sache ist: Wer wesentliche Informationen ausblendet, kann kaum gute (Wahl-)Entscheidungen treffen und schon gar keine Lösungen für eine bessere Zukunft finden.
Die große Paradoxie unserer Zeit ist: Nie konnte die Menschheit über mehr Informationen verfügen als heute, und noch nie war die Gefahr so groß, genau aus diesem Grund weniger zu wissen.
In seinem Bestseller „12 Gesetze der Dummheit“ schreibt der Neurowissenschaftler Dr. Henning Beck: „Allein die Tatsache, dass wir einen hohen IQ haben, heißt noch lange nicht, dass wir der Dummheit entkommen wären. Das Gegenteil kann mitunter der Fall sein.“ Schließlich handeln wir vielfach wider unsere Existenz. Wir wissen, dass wir unser Verhalten – nicht nur hinsichtlich Klima und Artensterben – rasant ändern müssen, tun es aber allenfalls marginal. Viel lieber vertrauen wir darauf, das Problem, wenn es irgendwann mitten im Raum vor uns steht, schon irgendwie verscheuchen zu können.
Dass wir uns mit der Zukunft schwer tun, verrät schon unsere Sprache. Wir sagen nicht: „Ich werde morgen ins Kino gehen.“ Wir sagen: „Ich gehe morgen ins Kino.“ Die Gegenwart erscheint uns greifbarer. Unsere Zukunft wirkt eher abstrakt, so, dass es schwer fällt, sich für sie ins Zeug zu legen. Am ehesten tun wir das, wenn wir glauben, dass unser persönlicher Nutzen deutlich spürbar wird. Und zwar sofort. Sofort ist allerdings nichts zu erwarten, wenn wir heute fürs Alter vorsorgen oder uns entschließen, gesund zu leben.
Das Typische an Krisenzeiten ist: Sie gebären Pessimisten. Zugegeben, viele von ihnen sind gute Analytiker. Sie klingen schlau, neigen aber dazu, Themen zu verkomplizieren. Was es braucht, sind unzufriedene Optimisten. Mit ihrem Lebenshunger bringen sie es fertig, aus der letzten Mandel dieser Welt eine Marzipantorte zu zaubern.
Heinrich Kaiser von OM-Medien verfasste ein Porträt über mich, das am 1. November in der Münsterländischen Tageszeitung, in der Oldenburgischen Volkszeitung und in OM-Medien erschien.
Er hatte, was ich nicht hatte: Einsen und Zweien, wo bei mir Vieren und eine Fünf im Zeugnis standen. Seine Beine steckten in Levi`s-Jeans, meine in Spießerhosen. Mit vierzehn hätte eine Levi’s mein Budget gesprengt. Sie kostete neununddreißig Mark neunzig. Er holte sich einfach eine. Noch eine und noch eine. Das konnte er, weil er sich bei einem Floristen als radelnder Bote täglich fünf Mark verdiente.
Während ich noch aus pickeligen Selbstzweifeln bestand, gab er sich selbstbewusst. Er sagte, was er dachte. Vor einem, der ihm nicht schmeckte, baute er sich auf, preschte bis auf Streichholzlänge heran und schrie: „Aus deinem Mund stinkt’s wie aus `nem Gulli.“
Wer ihm – ich nenne ihn mal Björn Stöcke – widersprach, wurde auf dem Schulhof zum Schweigen gebracht. Ich weiß noch, wie Bernhard ihm dort verbal die Stirn bieten wollte. Unser Klassenheld ließ es nicht dazu kommen. Er dröhnte Bernhard die Faust ins Gesicht. Derartige Brutalität hatte ich bis dato nur in Western gesehen. Zwei Mädchen standen abseits. Bei ihnen hatte ich nie eine Chance gehabt, unser Levi’s-Mann hingegen hatte ihre Bewunderung. Jetzt so richtig. Das war ihren Augen erschreckend deutlich anzusehen.
Das Merkwürdige war: Es gab kaum einen, der unseren Björn wirklich mochte, dennoch hatten wir ihn zum Klassensprecher gewählt. Und hätten wir ihn zum Kanzler machen können, hätten wir vermutlich auch das getan.
Warum? Ganz einfach: Er hatte Verstand und den Mut, die tabuisierten Grenzen des Sagbaren zu verschieben. Mit ihm an der Seite, glaubte jeder Pimpf zur Persönlichkeit zu mutieren.
Man muss nicht in der Pubertät stecken, um auf solche Menschen abzufahren. Ihre Anziehung wirkt auf Männer und Frauen jedes Alters. Besonders dann, wenn deren Ohnmachtsgefühl in einer immer komplizierteren Welt wächst und wächst.
Bei ihnen trifft die AfD mit ihrem Populismus der einfachen Lösungen ins Schwarze. Wie sehr, das zeigt das Ergebnis einer Studie des Gesellschaftsforschers Dirk Ziems. Demnach glauben AfD-Anhänger: Man hätte 2008 in der Finanzkrise die „gierigen Banken bestrafen sollen“. Man hätte 2015 in der Flüchtlingskrise die Grenzen dicht machen sollen. In Sachen Klima sollte man sich China und die USA vorknöpfen. Und mit Putin sollte man sich verständigen, „dann hätten wir wieder günstiges Gas.“
Doch das sind Scheinlösungen. Die politische Realität ist komplizierter. Der AfD-Politiker Björn Höcke ignoriert sie mit Methode. Immer wieder spricht er denen, die sich politisch unverstanden und nicht beachtet fühlen, mit einem Vokabular aus der Seele, das in Adolf Hitlers Hirn geboren ist. In einer Rede in Sachsen-Anhalt schrie er seinem Publikum entgegen: „Die Deutschen müssen sich fragen und entscheiden: Wollen sie Hammer oder Amboss sein?“ Damit bezieht er sich auf eine Rede Hitlers, die er 1919 vor der Deutschen Arbeiterpartei gehalten hat. Dort sagte er: „Wer nicht Hammer sein will, der muss Amboss sein. Wir sind jetzt in Deutschland Amboss.“
Derartige Äußerungen brechen nicht nur Tabus. Sie sind diabolisch, denn sie fördern die Erosion allen politischen Restvertrauens. Klar, Demokratie braucht Skepsis und hellwache Kritiker. Durch sie schöpfen wir die Energie, die wir brauchen, um voran zu kommen. Aber Heißmacherei und polemische Schwarzmalerei geben der Demokratie den Rest.
Oft ist es ja durchaus von Vorteil, ein Gewohnheitstier zu sein. Als solches steckt man nicht nur körperliche Schmerzen besser weg, auch die täglichen Krisen- und Kriegsnachrichten. Sie detonieren nicht mehr in der Seele, sondern verpuffen wie Knallplättchen weit vor dem Gehörgang. Schade nur, dass das Gewohnheitstier mit einem Dilemma leben muss: Es gewöhnt sich auch an das Schönste und Wertvollste. Sogar so sehr, dass es seine besonderen Privilegien nicht mehr sieht. Zugegeben, auch ich bin viel zu oft ein blindes Huhn. Dennoch finde ich immer mal wieder ein Korn. Vor über 40 Jahren sogar eines, das mir vor allem in aktuellen Krisensituationen ausgezeichnet schmeckt.
Damals war ich mit meinem ersten Auto, einem alten Mini Cooper, unterwegs nach Valencia. Nach 200 Kilometern wurde mir mulmig, denn der Kleine schluckte Öl wie eine Kettensäge. Beim Zwischenstopp in Köln teilte ich meinem älteren Bruder mein Unbehagen mit. Sofort hatte er die Lösung: mein Auto stehen lassen, seines mitnehmen. Dem konnte ich nicht widerstehen. In meinen Augen war diese Karosse nämlich das automobile Himmelreich schlechthin: eine langschnäuzige Eleganz mit 12 Zylindern unter der Haube. Drei ganze Wochen fühlte ich mich damit wie der König von Deutschland und Spanien zugleich. Doch dann, auf der Rückfahrt, passierte es. Ich vermisste etwas: die Faszination, mit der ich Wochen zuvor in dieses Traumauto gestiegen war. Ich hatte mich daran gewöhnt.
So, wie ich einst auf meinen automobilen Traum geblickt habe, blicken große Teile der Welt auf Deutschland. Sie sehen nicht nur unseren wirtschaftlichen Erfolg, sie beneiden uns um unsere Demokratie. Doch an deren Vorzüge scheint man sich hierzulande dermaßen gewöhnt zu haben, dass weite Teile der Gesellschaft sie komplett aus den Augen verloren haben. Und nicht nur das: Allerorts schießen Systemverächter wie Unkraut aus dem Boden. Sie legen es darauf an, die freiheitliche Gesellschaftsordnung Deutschlands mit autoritärem Nationalismus zu überwuchern. Der AfD gelingt das in erschreckendem Maße. Sie spricht all jenen Menschen mit simplen Parolen aus der Seele, die gewohnheitstierisch schon viel zu lange aus dem Blick verloren haben, was Demokratie ihnen gibt. Selbst wenn AfD-Leute behaupten, die Meinungsfreiheit sei nicht gewährleistet, stimmt man ihnen lauthals zu. Am liebsten möchten sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk an die Leine legen, damit er ein „ausgewogenes Programm“ liefert. Aber das würde bedeuten, dass AfD-Politiker ihre Positionen noch erfolgreicher streuen.
Wer dem zustimmt, ignoriert, mit welchem Ziel öffentlich-rechtliche Sender nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden: nämlich zur Verteidigung der Demokratie. Zu ihrem Job gehört es, antidemokratische Kräfte unter die Lupe zu nehmen und öffentlich zu kritisieren. Denn wenn Rechtsextremisten erst einmal in Machtpositionen hineingewählt worden sind, werden sie die Möglichkeiten der Demokratie nutzen, um sie zu beschädigen.
Zurzeit belegen Umfragen noch, dass eine Mehrheit die Demokratie will. Aber das ist nicht beruhigend. Wer die Demokratie will, muss auch für sie kämpfen. Wer das nicht will, gibt dem Kürzel „AfD“ eine neue Bedeutung: „Aus für Deutschland“.