Ich fing an zu brennen

OM-Medien-Kolumne Januar

Am liebsten hätte ich ihm gesagt, er solle sich vom Acker machen. Aber wer sagt das schon zum eigenen Chef. Stattdessen ertrug ich ihn. Direkt hinter mir stehend. Von dort sah er mir über die Schulter, sagte nichts, während ich am Leuchttisch sitzend versuchte, ein Buchcover so zu gestalten, dass er es akzeptieren konnte. Er sagte ewig nichts, bewegte sich nicht. Dieser sonst so dauergestresste Mann schien was genommen zu haben. Plötzlich die Finger seiner linken Hand auf meiner Schulter. Es muss die linke gewesen sein, denn die rechte war ja nur dazu da, das ewig glimmende Licht einer Ernte 23 zu halten. Dann murmelte er etwas, das mir nicht entgehen sollte: „Hätte ich nicht so gut hingekriegt.“ Sechs Wörter, die in mir Feuer legten. Ich fing an zu brennen. Für meinen Job als Layouter, in dem ich vor Jahrzehnten tätig war, und auch für ihn. Nie zuvor hatte ein Lob so viel in mir bewirkt. Warum jetzt? Weil dieser Mann ansonsten mit Lob so sparsam umging wie ein Betrüger mit der Wahrheit. 

Okay, vielleicht ticke ich diesbezüglich ja etwas speziell. Wenn aber stimmt, was ich kürzlich zum Thema las, muss ich mir kaum Sorgen machen. Lob sei so etwas wie ein Hauptnahrungsmittel des Ichs, erfuhr ich da. Und der Schriftsteller Mark Twain brachte es auf seinen ganz persönlichen Punkt, indem er zugab: „Von einem richtig guten Kompliment kann ich zwei Monate leben.“ 

Oliver Dickhäuser, Psychologe an der Uni Mannheim, sagt: „Wir wissen, dass von den Faktoren, die zu Erfolg führen, Lob zu den stärksten gehört.“ Fragt sich nun, wieso das Lob ein so mieses Image hat? Manchmal kommt es mir so vor, als sei der Satz „Nicht gemotzt ist genug gelobt“ einer aus den Zehn Geboten. Zugegeben, so manch lobende Worte wirken in mir wie gammelnde Forelle auf nüchternen Magen. Immer dann, wenn mir einer mit Engelszunge Charmantes einzuhauchen versucht, das nach höllischem Ursprung mieft. Auch dann, wenn Lob und Komplimente wie mit der Gießkanne verteilt werden. Da fällt mir ein Satz von Peter Henningsen, Chefarzt an der Technischen Universität München, ein. Er sagt: „Pauschales Dauerloben ist eine Form der Vernachlässigung durch Verwöhnen.“ Der Mann spricht mir aus der Seele.

Andererseits versuchen unzählige Arbeitnehmer damit klarzukommen, noch nie von ihrem Chef oder ihrer Chefin gelobt worden zu sein. Ihnen fehlt Anerkennung, Wertschätzung und das Gefühl, wahrgenommen zu werden. Klar, dass alle, die eine Chance sehen, so Elementares woanders zu finden, gehen.

Heute, am 21. Januar, kann es passieren, dass man mehr wahrgenommen wird, als man verkraften kann. Heute ist nämlich Weltknuddeltag. Im Ernst. Und der ist keine neumodische Erfindung. Der US-amerikanische Pfarrer Kevin Zaborney hatte 1986 die Idee dazu. Er meinte, in der kalten Zeit zwischen Weihnachten und Valentinstag bräuchte die Menschheit Wärme. Sein Plan war es nicht, einander wahllos liebkosend anzufallen, sondern einander in der Öffentlichkeit achtsam näher zu kommen.

Ich glaube, das brauche ich nicht. Was ich allerdings schlecht lassen kann, ist, zu sagen, wenn mich etwas bei wem auch immer begeistert. Dann bekomme ich nämlich auf der Stelle etwas geschenkt: das freudige Lächeln meines Gegenübers. Wenn’s mir vorher nicht so besonders gut ging, danach garantiert. Ich glaube, die Erleuchtung kam mir diesbezüglich einst am Leuchttisch.

Einfach mal warten

OM-Medien-Kolumne Dezember

Würde mich nicht wundern, wenn die Betreiber von Christbaumkulturen just dabei wären, ihre brancheneigene Hymne zu entdecken. Ich höre schon wie sie singen: „O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie früh sind deine Käufer.“ Eine Umfrage des Portals Statista ergab nämlich nicht nur, dass Menschen in Deutschland ihren Weihnachtsbaum immer früher kaufen. Mehr als die Hälfte stellen ihn auch lange vor Heiligabend in ihrer Wohnung auf: bereits Anfang bis Mitte Dezember.

Von wegen warten aufs Christkind. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich am Nachmittag eines Heiligabends im kleinen Lloyd unserer Nachbarn landete. Mein Vater hatte mich da reingeschoben. Da saß ich neben Maria, Bernhard und Hermann-Josef. Das waren die Kinder von nebenan. Am Steuer saß ihr Vater, den ich dafür bewunderte, wie er als Kriegsversehrter mit seinem Holzbein so prima Gas geben konnte. Wir fuhren nicht weit. Nur bis zum Christkindchenweg in Cloppenburg. Dort stiegen wir aus, liefen durch den angrenzenden Wald und waren uns sicher, irgendwo dort das Christkind zu entdecken. So richtig sehen konnten wir es nicht. Das lag aber nur am Dickicht und an der aufkommenden Dunkelheit. Doch wir fühlten es. Ganz genau. Zurück zu Hause gab es keine Zeit mehr, über dieses mystische Erleben nachzudenken. Ein Glöckchen erklang, und ich war wie geplättet, als ich den funkelnden Tannenbaum im Wohnzimmer erblickte.

Schnee von gestern? Nein, von vorvorgestern. Sentimentaler Schneematsch könnte man sagen. Heute herrschen andere Temperaturen. Die werden von einer Konsumwelt bestimmt, in der das geduldige Abwarten nicht gut ankommt. Kunden sollen nicht warten. Ihre Wünsche sollen auf der Stelle in Erfüllung gehen. Gewissermaßen tun sie das sogar bei Online-Bestellungen, denn da passiert sofort etwas. Auf dem Handy ist genau zu sehen, wie oft wir noch schlafen müssen, bis der Paket-Engel zu uns kommt. Oft nur bis zum nächsten Tag. Per Handy kann man sogar seine Flugroute erkennen und exakt mitverfolgen, wann er vor der eigenen Haustür aufsetzt. Und schon hat man seine Bescherung.

Auch politisches Warten kommt schlecht an. Manche Staatsmänner und -frauen sitzen die brennendsten Themen dennoch ewig lange aus, bevor sie anfangen, sich zu bewegen. Kohl beherrschte das, Merkel lernte es von ihm und Scholz praktiziert es auch. Solche Persönlichkeiten scheint es nicht zu kratzen, wenn Gegner sie

als Zauderer an den Pranger stellen. Das liegt daran, dass sie begriffen haben: Friede auf Erden ist nicht mit einem Mausklick zu ordern, wohl aber mit einer falschen Bewegung zu sprengen.

Beharrliches Warten wird oft mit lethargischer Rumsitzerei verwechselt. Dabei ist das Abwarten und dann die richtigen Fäden zu ziehen, eine Lebenskunst. Dem US-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr war das bewusst, als er in den 1940er Jahren schrieb: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Ein großer Wunsch, für dessen Erfüllung wir selbst etwas tun müssen. Der Advent kann uns helfen. Sein Name kommt vom lateinischen Wort Adventus, das Ankunft heißt. Gemeint ist die Ankunft des Kindes, dessen Geburt wir Weihnachten feiern. Indem wir hin und wieder in adventlicher Stille warten, kann etwas Seltenes passieren: dass wir bei uns selbst ankommen.

Im engsten Familienkreis

OM-Medien-Kolumne Oktober

In gewissen Situationen kann man einen recht gewöhnlichen Satz wie eine kalte Dusche empfinden. Zum Beispiel diesen: „Die Beisetzung hat im engsten Familienkreis stattgefunden.“ Meistens kann ich diesen Satz ignorieren. Nicht jedoch, wenn ich beim Zeitunglesen völlig unvorbereitet in einer Todesanzeige auf den Namen eines Menschen stoße, der mir wichtig war. In solchen Momenten wird mir schlagartig klar, dass mir nichts mehr möglich ist. Kein letztes Gespräch, nein, nicht einmal das, was der Volksmund als letzte Ehre am noch offenen Grab bezeichnet. Dass die Anzeige mir nicht verrät, wann die Trauerfeier stattgefunden hat, kann ich dann irgendwie noch schlucken. Aber wenn sie nicht einmal den Beisetzungsort preisgibt, kommt ein flaues Gefühl auf. Warum? Weil es mir wichtig ist, jederzeit die Möglichkeit zu haben, das Grab eines Menschen aufzusuchen, der mir nahestand. 

Mir ist schon klar, dass kaum einer den zitierten Satz mit ausgrenzender Absicht formuliert. Corona hat ihn uns einst diktiert, und wir haben uns weitenteils an ihn gewöhnt. Doch genau das sollten wir nicht tun, jetzt, wo Corona auf Beerdigungen längst nicht mehr so viel zu sagen hat. Natürlich kann man todverachtend über formalisiertes und ritualisiertes Trauern lächeln, aber das Wort von der letzten Ehre war, ist und bleibt ein wertvolles Wort. Denn auch wenn man die Niedergeschlagenheit der Angehörigen nicht teilt, ehrt man so den Verstorbenen und die, die um ihn trauern. Und noch etwas: Neben dem frischen Erdhügel verharrend, stehen Zeit und Leben ein paar Atemzüge lang still. Man taucht für Sekunden in sich selbst ein und spürt die eigene Seele, die ihre Endlichkeit begreift. 

Die nun beginnenden Novembertage stehen kalendarisch nicht nur für eine Kultur der Trauer, auch – und nicht zuletzt – für Erinnerungen und hoffnungsvolle Gedanken. Eigentlich bräuchte ich den November nicht. Gewissermaßen begehe ich ihn in Momenten jeglicher Jahreszeiten. Immer dann, wenn mir ein Mensch in den Sinn kommt, der vielleicht schon 30, 40 Jahre tot ist. Manchen von ihnen bin ich nur selten begegnet. Dennoch erkenne ich sie als Baumeister und -meisterinnen dessen, was ich bin. Sie haben einst etwas gesagt oder getan, das mich aufhorchen ließ. Manches hat mich so beeindruckt, dass ich es mir nie merken musste: Es hat sich in meine Erinnerungen geritzt. Und nicht nur das: Ihr Denken, ihre Äußerungen, ihre Art zu leben haben mich angesteckt. So, dass ich mich an ihrem Wesen noch heute orientiere.

Manchmal denke ich, wie wunderbar es doch wäre, wenn sie mitbekämen, welche Rolle sie nach all der langen Zeit für mich noch immer spielen, wenn sie wüssten, dass sie in mir präsent sind, und dass ich mir einen Teil ihres Seins abgekupfert habe. Ich fühle mich bereichert, wenn mir bewusst wird, wie sehr diese längst verstorbenen Männer und Frauen in mir ihr Leben führen. Und ich empfinde Dank. 

Das Wort „Dank“ hat seinen Ursprung übrigens in dem Wort „Denken“. Die Etymologie beschreibt es als das „Denken an eine empfangene Wohltat.“ Ein Grab kann einen bei solcher Denkerei prima unterstützen. Aber nur, wenn man weiß, wo man es findet.

Ich durfte mitmachen

Sehr persönliche Gegenstände sind es, die Menschen auf ihrer letzten Reise mitführen möchten. Sie sind in einer Ausstellung des Kulturbahnhofs Cloppenburg zu sehen.
Was ich auf meiner letzten Reise bei mir haben möchte, sind außer einem Stift und einem Heft für Notate ein paar tote Begleiter. Wer die sind, das habe ich für die Ausstellungsbesucher aufgeschrieben. Zu lesen ist es an der Wand neben meinem Koffer. Und hier.

Was ist wirklich wichtig? Was bleibt am Schluss? Was nehme ich mit? Sich diesen Fragen zu stellen ist nicht einfach. Das Cloppenburger Hospiz wanderlicht konfrontiert eine Reihe von Menschen aus der Region dennoch ganz offensiv mit diesen Fragen. wanderlicht lud Menschen unterschiedlichster Herkunft ein, ihren ganz persönlichen Koffer für ihre letzte Reise zu packen. Die Koffer sind in einer Ausstellung des Kulturbahnhofs Cloppenburg zu sehen. Ihre Inhalte sind so unterschiedlich wie die Männer und Frauen, die sie aus ihren unterschiedlichen Biografien heraus und mit ihren ganz persönlichen Träumen und Weltanschauungen zusammengesucht haben.

Ich freue mich sehr darüber, dass die Initiatoren der Ausstellung auch mich eingeladen haben, meinen Koffer zu packen. Da ich mich mit diesem Thema schon häufig auseinandergesetzt hatte, musste ich kaum eine Sekunde lang darüber nachdenken, womit ich meinen Koffer füllen würde. Was ich auf meiner letzten Reise bei mir haben möchte, sind außer einem Stift und einem Heft für Notate ein paar tote Begleiter. Und wer die sind, das habe ich für die Ausstellungsbesucher aufgeschrieben. Zu lesen ist es an der Wand neben meinem Koffer und hier:

Meine toten Begleiter

Ich habe so einige tote Begleiter. Einige von ihnen sind bereits vor 30, 40 Jahren gestorben. All diese Menschen sind für mich viel mehr als eine schöne Erinnerung. Sie sind Baumeister und -meisterinnen dessen, was ich bin. Sie haben einst etwas gesagt oder getan, das mich aufhorchen ließ. Manches hat mich so beeindruckt, dass ich es mir nie merken musste: Es hat sich in meine Erinnerung geritzt. Und nicht nur das: Ihr Denken, ihre Äußerungen, ihre Art zu leben haben mich angesteckt. So, dass ich mich an ihrem Wesen noch heute orientiere. Das will ich auch auf meiner letzten Reise tun, mich an ihnen orientieren. Darum nehme ich sie mit.

Immer wieder kommt mir in den Sinn, wie wunderbar es doch wäre, wenn sie mitbekämen, welche Rolle sie nach all der langen Zeit für mich noch immer spielen, wenn sie wüssten, dass sie in mir präsent sind, und dass ich mir einen Teil ihres Seins für mich abgekupfert habe. Ich fühle mich bereichert, wenn mir bewusst wird, wie sehr diese längst verstorbenen Männer und Frauen in mir ihr Leben führen. 

Elisabeth zum Beispiel. So habe ich sie nie genannt, ich habe sie zeitlebens gesiezt. Als Jugendlicher saß ich neben ihr auf dem Beifahrersitz. Wir düsten mit 170 über die Autobahn, sie hielt ihr Lenkrad einhändig, ihr Blick zielte geradeaus. Sie fragte mich, wie es nach meiner Lehre weitergehe. Ich sagte, ich fände es toll, mein Abi nachzuholen, sei mir aber nicht sicher, ob ich das schaffen würde. Mit unverändertem Geradeausblick sagte sie: „Andreas, du kannst alles, was du willst, du musst es nur richtig wollen.“ Diese Aussage war eine Dröhnung in meinem Leben. Damals fehlte es mir nämlich noch arg an Selbstbewusstsein. Und da ich große Stücke von dieser klugen bis weisen Frau hielt, verpuffte ihr Satz nicht in mir. Er wurde zum Gaspedal in meinem Leben.

Oder Gerda: Ich lernte sie in meiner Kindheit kennen, geriet aber erst vor ein paar Jahren so richtig mit ihr in Kontakt. An ihrem Kaffeetisch sagte sie mir, dass sie bald sterben müsse. Ich war geplättet. Nicht nur wegen dieser Aussage, mindestens ebenso sehr wegen ihrer völlig gelassenen, ja, fast fröhlichen Ausstrahlung. Vorsichtig fragte ich sie, ob sie Angst habe. Sie sagte: „Nein, ich habe ja ein sehr langes und auch gutes Leben gehabt.“ Es fiel mir nicht schwer, ihr zu glauben, und ich habe die Ahnung, dass ihre Art aufs Leben zu schauen mir hilft, wenn meines mal zu Ende geht.

Und noch ein Mensch, der meinem Denken neue Farben gab: Ewald. Er war mein Kollege und erkrankte mit etwas über Vierzig schwer an Parkinson. Ich bekam sein jahrelanges Leiden mit. Oft intensiver als ich wollte. Manchmal fragte ich ihn, wie es diesmal in der Uniklinik war und wie es ihm nach der neuen Behandlung gehe. Und er, dessen Antwort ich wegen seiner schrecklichen Gesichtszuckungen kaum verstehen konnte, sagte mir: „Ach, weißt du, mir geht es gut.“ „Wie das?“, fragte ich. „Im Wartezimmer saß eine junge, richtig attraktive Frau. Sie war noch viel schlimmer dran als ich. Und da habe ich begriffen, dass es bei mir doch kaum was zu klagen gibt.“

Die Erinnerung an ihn ist für mich wie eine Brille. Sie hilft mir oft, nicht nur das zu sehen, was mich ärgert und belastet. Durch sie sehe ich auch, was mich Schönes umgibt.

Diese und noch eine ganze Reihe weiterer Menschen sind in meinem Kopf beziehungsweise Herzen. Darin haben sie mehr Raum als in jedem Koffer. Und von dort aus werden sie mir lautlos Mut machen, den Weg ins Unbekannte zu gehen. Sie alle gehören zwar meiner Vergangenheit an, aber die ist nicht tot. Sie ist nicht einmal vergangen, denn sie lebt in mir.

Er hatte keine Wahl

OM-Medien-Kolumne September

Manche Väter prägen ihre Söhne auf dramatische Weise. Laurence Gonzales hatte so einen. Sein Vater war Kampfpilot bei der US-Airforce. Als er im Januar 1945 einen Angriff auf Düsseldorf flog, wurde er in 8000 Metern Höhe abgeschossen. Seinen Fallschirm bekam er nicht zu packen. Er hatte keine Wahl, konnte nur fallen. Dennoch kam er lebend unten an. Alle möglichen Knochen waren gebrochen, aber nicht das Genick. Das war sein ungeheures Glück. 

Laurence, seinen Sohn, hielt das nicht davon ab, Kunstflieger zu werden. Später wurde er Journalist und Autor. Für seine Bücher „Deep Survival“ und „Flight 232“ erhielt er zahlreiche Preise. Die Katastrophe seines Vaters ging ihm nie aus dem Kopf. Seit Jahrzehnten forscht der 74-Jährige nach Antworten auf die Fragen: Gibt es eine Formel zum Überleben in Notsituationen? Wie trifft man dann die richtige Wahl?  

Im Interview mit Süddeutsche Zeitung sagt er, echten Überlebenskünstlern helfe ihr schwarzer Humor und die Konzentration auf das Schöne im Leben. Ebenso ihre Entscheidung zum Altruismus: „Wenn Sie sich um jemanden kümmern, der schwächer ist als Sie, werden Sie vom Opfer zum Retter.“ Das mache psychologisch einen großen Unterschied. Denn „je mehr man über jemand anderen nachdenkt, desto weniger denkt man über sich selbst und seine Probleme nach.“

Meistens haben wir die Wahl, uns so oder so zu verhalten. Die Wahl zu haben, ist ein Privileg. Das wird erst so richtig bewusst, wenn man, wie Gonzales’ Vater, keine hat. Klar, wer vor einer Entscheidung steht, steht oft auch vor einem Problem: Das kann schon am frühen Morgen aufkreuzen, beim Blick in den Kleiderschrank oder später beim Italiener, wenn sich gleich die komplette Speisekarte als Gaumenstreichler gebärdet. Noch schwieriger wird es vor fundamentalen Entscheidungen: bei der Frage, welchen Beruf ich ergreife, ob und wen ich heirate, ob ich Kinder in diese Welt setze oder wen ich am 9. Oktober in Niedersachsens Landtag wähle.

Klar, Entscheidungen können schwer fallen, vor allem dann, wenn mir nicht klar ist, was ich will. Zum Beispiel weiterhin wie gejagt über die Autobahn heizen oder alles daransetzen, dass der klimakollabierende Erdball nicht abfackelt. 

Diesbezüglich bringt Petra Pinsler in der Zeitung DIE ZEIT zwei schwierige aber merkenswerte Wörter ins Spiel: „kognitive Dissonanz“. Der Begriff kommt aus der Psychologie. Fachleute verwenden ihn, wenn das Verhalten von Menschen nicht zu ihrer Wahrnehmung passt, wenn also eine Dissonanz entsteht. Da wir keine Dissonanzen mögen, blenden wir in komplizierten Lagen gern die Wahrnehmung aus, statt neue Entscheidungen zu treffen und unser Verhalten zu ändern. Wie etwa ein Alkoholiker. Er weiß, dass er sich ruiniert, säuft aber weiter, weil er sich daran erinnert, dass Onkel Josef saufend fast 90 geworden ist.  

Manchmal mag es ja verführerisch sein, sich in Oblomow-Manier morgens gar nicht erst anzuziehen und jede Entscheidung zu verpennen. Aber bin ich dann um eine Wahl herumgekommen? Nein. Der Existentialist Sartre erklärt, wieso. Er sagt: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Damit meint er: Auch wer sich um eine Entscheidung herumdrückt, hat seine Entscheidung bereits gefällt. Nämlich die, nichts zu verändern.

Sehnsucht

Ein Bild des britischen Regisseurs Isaac Julien. Gefunden im Bremer Museum Weserburg.

Manchmal, 
wenn sie ganz nah mir ist, 
glaube ich, sie zu hassen.
Kehrt sie dann endlich mir 
den Rücken zu,
entweichend in die Straßen
meiner fernsten Ziele,
fange ich an, sie zu ersehnen
und kann schon schmecken
der Sehnsucht bittersüßen Namen.

Ich frage mich, 
was ich an ihr so mag,
ist doch Erfüllung nur
der Schluss gelackter Utopie.
Wahrscheinlich ist’s der Sehnsucht Geist, 
der leis dem tiefsten Wollen sagt,
dass die Erfüllung 
meiner größten Wünsche
mich niemals macht
so glücklich wie gedacht.

So gleite ich, 
die Sehnsucht liebend,
mit der Ebbe schmerzlichen Vermissens 
ins tiefe Meer des Wollens.
Fest halte ich der Sehnsucht Hand,
spüre Glück mit ihr an meiner Seite, 
schenkt sie doch meinem Leben Ziel.
Und bleibt mein größtes auch 
für immer unerreicht,
so seh ich mit der Sehnsucht neben mir 
doch stetig Land.
Denn wäre sie nicht da,
wär es mein Untergang.
*
Dieses Foto ist das Foto von einem Foto. Das Original hat der britische Regisseur Isaac Julien gemacht hat. Ich habe es im Bremer Museum Weserburg fotografiert. Dazu schreibt das Museum: „Die Kälte des Tagungsraumes, seine strenge Fensterfront im kühlen Schwarz-Weiss vermitteln den Eindruck arrangierter Künstlichkeit. Auch die Hausangestellte wirkt wie ein Teil der sterilen Einrichtung. Aber ihre Haltung erinnert an romantische Rückenfiguren mit ihrem sehnsuchtsvollen Fernblick. Ihr Blick jedoch verliert sich in einer Vielzahl unpersönlicher Hochhäuser. Das Foto ist eine eigenständige Bilderzählung, obwohl es als Teil einer mehrteiligen Fotoserie im Zusammenhang mit Juliens Filminstallation Playtime (2014) entstand.“

Ganz plötzlich reich

OM-Kolumne August

Wenn ich will, dass Sie meine Kolumne lange im Kopf behalten, sollte ich mir ein anderes Thema suchen. Mein heutiges ist nämlich zu positiv. Denn wir suchen eher negative Infos, und wir verarbeiten sie auch schneller und intensiver als positive. Das ist wissenschaftlich belegt. „Verantwortlich dafür ist unser Steinzeithirn“, sagt die Kölner Professorin für Medienpsychologie Maren Urner. Aus evolutionspsychologischer Sicht sei dies ein Überlebensvorteil. „Denn eine verpasste negative Nachricht hat in Zeiten von Säbelzahntiger und Mammut den Tod bedeuten können.“ 

Dennoch werde ich heute nicht darüber schreiben, dass Hiroshima heute vor 77 Jahren durch eine Atombombe vernichtet wurde. Auch nicht über die beängstigenden Folgen des Klimawandels und auch nicht darüber, dass sich die Taiwan-Frage derzeit zum Großkonflikt der Großmächte USA und China hochschaukelt. Klar, wer nicht tatenlos abwarten will, bis er von einem autokratischen Säbelzahntiger neuzeitlicher Provenienz verschluckt wird, muss informiert sein. Ständiges Stieren auf solche Nachrichten hält allerdings kaum jemand aus. Es macht hilflos, hoffnungslos und depressiv. 

Wie es in dunkelsten Phasen gelingen kann, Licht in jeden Tag zu bringen, hat der britische Autor Duncan MacMillan in seinem Theaterstück „All das Schöne“ gezeigt. Die Zeitung THE GUARDIAN rezensiert: „Ein lebensbejahender Monolog über ein todernstes Thema, herzergreifend und völlig unsentimental.“ MacMillans Protagonistin ist eine Siebenjährige. Sie schreibt eine Liste für ihre depressive Mutter, die versucht hat, sich umzubringen. Auf der steht all das, was das Kind schön findet, und es hofft, dass seine Mutter diese Liste wirklich liest und nicht nur ihre Rechtschreibfehler korrigiert. 1: Eis, 2: Wasserschlachten, 3: Länger aufbleiben dürfen als sonst und fernsehen. Zehn Jahre später unternimmt die Mutter einen zweiten Selbstmordversuch. Das Mädchen wird auch als Jugendliche nicht müde, die Liste weiter zu schreiben. 823: Nacktbaden, 999: Sonnenschein. Die junge Frau geht zum Studium, verliebt sich, doch tief in ihr sitzt eine Traurigkeit, die sie sich nicht eingestehen mag. Mit dem Leben wächst die Liste, nähert sich der millionsten Eintragung. 999 997: Das Alphabet. 999 998: Eine Aufgabe abschließen. 

Duncan MacMillans Text ist ein rauschendes Plädoyer für das, was uns Mut macht. Er lässt uns sehen, wofür es sich lohnt, jeden Tag aufzustehen. Er verführt uns, die Kleinigkeiten im Leben anzuschauen und uns daran zu erfreuen, um nicht an den großen Problemen zu verzweifeln.

Was Freude bringt, kann nur jeder Mensch für sich herausfinden. Wer dabei ständig nach Großartigem sucht, muss damit rechnen, das Eigentliche zu übersehen. In der Wochenzeitung DIE ZEIT berichten Leserinnen und Leser in wenigen Zeilen über ihre Kleinigkeiten. Zum Beispiel eine Frau, die Urlaub in England gemacht hat: Nach ihrer abendlichen Laufrunde kam sie rotgesichtig und erschöpft ins Dorf zurück. Ein alter Mann im Rollstuhl lächelte ihr entgegen. Während sie an ihm vorbeihechelte, hörte sie ihn fragen: „Brauchen Sie eine Mitfahrgelegenheit?“ 

Warum sie uns das erzählt? Weil es ihr Leben ganz plötzlich reicher gemacht hat.

Waldgestalten

Hab so oft schon mich gefragt,
warum ich euch so mag,
euch Waldgestalten.
Ist’s der Kiefern wilder Wuchs,
der still mir meine Starrheit zeigt,
bis Wildheit endlich auch in mir
gedeihen kann?
Ist es das kathedrale Dach der Buchen,
das meinen Blick zum Himmel lenkt
und meiner Schwere Flügel schenkt?
Oder ist’s des Farns Genügsamkeit, 
die stumm mich lehrt,
dass Leben auch auf Schattenseiten
palmengleich mit Schönheit prassen kann?

Gewiss, das alles ist‘s.
Doch im Tiefsten mich erhellt,
wenn all ihr Kiefern, Buchen, Farne euch,
vom Wind bewegt,
zum Tanz der Wälder schwingt.
So verschieden ihr auch seid,
ist Harmonie doch euer einzig Ziel,
wenn nach des Himmels Dirigat 
ihr euren Leib mal neigt, 
mal hebt, 
und der Welt vor Augen führt, 
wie Einklang geht.

Geheimnisvolle Hülle

Kann’s sein,
dass ich zu wenig Beachtung
dir geschenkt?
Mir schwant,
dass viel mehr du bist
als schnöde Verpackung.
Schau ich genau dich an,
entdeck ich das Wort.
Es ist dir so ähnlich,
muss deine Schwester sein.

Das Wort 
ist talentiert wie du,
verhüllt Wahrheit wie Lüge,
Bewunderung wie Hass.
Immer ist das Wort für mich da,
kommt mit Schulterklappen daher,
kreuzt im Talar bei mir auf,
und bietet selbst 
im weihräuchernden Habit
mir seine 
verpackenden Dienste an.

Mal verhüll ich eigne Niederlagen
mit ballernden Wortkanonaden,
mal wickelt das Wort mich ein,
und manchmal, 
verwickelt’s mich in Gedanken, 
die ich nie gedacht, 
in denen ich mich suche
und niemals find. 

Und manchmal schafft’s das Wort, 
Händen gleich,
mich anzuziehen. 
Wenn das geschieht, 
zieht’s bald mich auch aus, 
und entdeck ich 
meine Blöße dann, 
seh ich in ihr 
mein schönstes Gewand.

Überleg ich es recht, 
so liebe ich dich, 
geheimnisvolle Hülle. 
Egal, wie du bist,
ob edel glänzend 
oder grau wie Packpapier, 
du bist die Haut,
die meiner Hoffnung 
Formen gibt.

Flucht kennt keine Grenzen

Auf eigne Wände
ist Verlass.
Sie bleiben, wo sie sind, 
nehmen’s geduldig hin, 
wenn wir uns an sie lehnen. 
Und wenn keiner kommt,
uns zuzuhörn, 
eigne Wände sind da,
schenken uns 
ihr steinernes Ohr.

Wände,
von Barbaren gebaut,
kreuzen auf Fluchtwegen auf,
haben Beton im Ohr,
damit keine Träne in sie dringt,
die Hasswände sprengt. 
Doch Flucht 
kennt keine Grenzen,
macht Paradiese menschenleer,
bis Barbaren 
nichts als eigene Wände erblicken
und im Rückwärts 
ihr einsames Vorwärts sehen.