Sprachlos

Januar-Kolumne in OM-Medien

Noch nie habe ich so oft an ihn gedacht, wie in dieser pandemischen Zeit: an meinen alten Kollegen Ewald. Zu ihm habe ich einst aufgeschaut. Und das nicht nur wegen seines Wissens und seines Talents, mit dem er sich als Journalist unter die Haut seiner Leserschaft schrieb. Sein Blick aufs Leben faszinierte mich. Insbesondere der auf sein ganz eigenes und angeschlagenes. Der Parkinson hatte ihn mehrmals täglich komplett im Griff. In solchen Phasen zitterten seine Arme nicht nur, sie ruckten ins Leere, als würden unsichtbare Hände an ihnen reißen. Da auch Brustkorb und Kopf  wie mitgerissen agierten, geriet seine Aussprache völlig aus der Kontrolle. Oft konnte ich ihn nicht verstehen. Alle paar Wochen fuhr er in die Uniklinik Bochum. Gern stellte er sich seinem Professor als Versuchskaninchen zur Verfügung. Wenn es ihm persönlich auch nicht helfen würde, so seine Meinung, helfe es womöglich dem forschenden Arzt und dessen Studenten. Und vielleicht gebe es ja doch noch eine Linderung. Von dieser Hoffnung ließ er nie los. Wenn ich ihn fragte, wie es war, in der Klinik, sagte er: „Gut.“ „Inwiefern?“, wollte ich wissen. „Tja, wenn ich da so manch jüngere Patienten sehe, kapiere ich, dass ich keinen Grund zum Klagen habe.“ 

Diese Haltung machte mich sprachlos. Immer wieder. Manchmal hatte ich aber auch einen anderen Grund, nichts zu sagen. Das war in meiner journalistischen Anfangsphase. Wenn ich wieder mal glaubte, den Beruf verfehlt zu haben, brütete ich hinter verschlossener Tür überm weißen Manuskriptpapier. Ewald ließ mich nicht brüten. Er kam einfach rein, setzte sich neben mich und zwang mich mit durchschauendem Lächeln, die Zähne auseinanderzukriegen. Ich verriet ihm, was los war, mir blieb nichts anderes übrig. Er sagte dann nicht viel. Nur dies: „Ich sehe das ganz anders.“ Und damit gab er mir Hoffnung selbst in seinen zuckendsten Elendsphasen.

Noch einer, der in beeindruckender Weise die Hoffnung nie aufgab, war Stephen Hawking. Heute, am 8. Januar, wäre er 80 Jahre alt geworden. Mit 21 Jahren erfuhr er, dass er an einer unheilbaren Nervenkrankheit litt. Die Ärzte gaben ihm nur wenige Jahre Lebenszeit. Doch er wurde 76 Jahre alt und starb als einer der bedeutendsten Wissenschaftler aller Zeiten, der nie von seinen mathematischen und physikalischen Studien abließ. Er war davon überzeugt, dass man erst verloren ist, wenn man sich selbst aufgibt und sagte: „Wo Leben ist, ist Hoffnung, und wo Hoffnung ist, kann neues Leben entstehen.“

Beide, Stephen Hawking und auch mein Kollege, kannten dunkelste Phasen. Mit dem Wissenschaftler habe ich mich nie unterhalten, mit meinem Kollegen umso mehr. Manchmal frage ich mich, wie er zu so manch dunklen pandemischen Momenten stehen würde. Fragen kann ich ihn nicht, denn auch er ist vor ein paar Jahren gestorben, aber ich kann mir vorstellen, dass er sagen würde: In solch finsteren Phasen stecken Möglichkeiten, die es unter strahlendem Himmel gar nicht zu geben scheint. Und ich habe schon manchmal den Eindruck gehabt, dass solche Dunkelheit nur eine andere Art Licht ist. Eine, die uns gefehlt hat.

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