Geheimnisvolle Waldgestalt

Als hätte deine Gestalt 
leis zu mir gesprochen, 
schau ich zu dir empor. 
Frage mich, wer du bist. 
Menschlicher Baum 
oder hölzerner Mensch. 
Du sagst es mir nicht, 
stehst einfach da, 
geheimnisvolle Waldgestalt, 
und streichelst stumm 
meine Sinne wach. 
Ich berühre deinen Leib 
mit Blicken, 
bis ich die Schönheit 
in dir entdecke 
und mich frage, 
ob die Krone der Schöpfung 
nicht auch dir 
ganz gut passt. ?

Leben am Haken

Sieht aus wie Anhänglichkeit.
Eine, bei der man sich am Haken weiß 
und dennoch fallen lassen kann.
Vielleicht ist es auch 
anhängliche Abhängigkeit,
eine, in der man sich hängen lässt
und Lebendigkeit erhängt. ?

Zu nahe

„Darf ich mal ganz ehrlich sein?,“ sagte der eine Baum zum anderen.
„Klar, immer. Weißt doch, wie ich es liebe, wenn du ganz offen bist. Also sag schon!“
„Ich finde einfach, du gehst zu weit.“
„Wie meinst du das?“
„Du kommst mir zu nahe.“ ??

Erfüllende Leere

„Diese ewige Leere macht einen ja ganz fertig“, sagte die rechte Schüssel zur linken.
„Find ich eigentlich gar nicht so schlecht“, sagte die linke.
„Hey, du hast wohl ’n Sprung! Von so ’ner Leere hat man doch nix.“
„Kann ich nicht behaupten.“
„Wie bitte? Was haste denn davon?“
„Platz für Erfüllung.“ ?

Dachpfannen-Geständnis

„Du“, sagte die obere Pfanne zur unteren, „ich fühl mich dir so nahe.“
„Kein Wunder“, sagte die untere, „so eng wie wir hier zusammenliegen.“
„Nu lass doch mal, ich mein das ernst.“
„Is schon gut, mir geht’s doch genauso.“
„Also ich könnte mir gar kein Leben mehr mit ’ner anderen Pfanne vorstellen“, sagte die obere.
„Mit ’ner Pfanne vielleicht nicht, aber wenn der Wind kommt, biste gleich wieder weg. Auf so stürmische Typen fährst du doch ab.“
„Sag doch sowas nicht. Is doch lange her. Damals wollte ich nur mal schweben. Aber lieben tu ich nur dich.“
„Biste dir sicher?“
„Total.“
„Wieso?“
„Weil du mir Weite gibst.“
„Gibt der Wind dir auch.“
„Ja, aber nur bis er sich legt.“ ?

Die Leichtigkeit von einst

„Dich kenn ich doch“, sagte der Museumsbesucher zum Ballonhund und blieb mit großen Augen vor ihm stehen.
„Ne, mich haste noch nie gesehen“, sagte der luftige Riese.
„Woher willst du das wissen?“
„Wenn ich dir vertraut wäre, würdest du nicht sofort dein Handy zücken und mich fotografieren.“
„Doch, ich kenn dich.“
„Nein“, sagte der Hund, „ich erinnere dich nur an etwas. An etwas Schönes.“
„An was solltest du mich schon erinnern?“
„An deine Geburtstage. An die, als du noch klein warst. Da schwebten Typen wie ich bei dir durchs Zimmer. Aber nur im Kleinformat. Sie waren so leicht wie du dich fühltest.“
„Stimmt, aber wieso bist du so riesig?“
„Weil du mich sonst nicht sehen würdest.“
„Du, ich hab nix mit den Augen.“
„Mag sein, aber du hast nicht mehr die Leichtigkeit von einst. Und die braucht man, um mich auch im Kleinformat bewundern zu können.“

Ob da alle verliebt sind?

„Ich überlege gerade, ob die tatsächlich alle verliebt sind“, sagte die Straße zum Schild, „oder ob’s die nur zum Platz der Verliebten zieht, weil sie auf der Suche sind.“
„Auf Suche sind doch alle“, sagte das Schild.
„Verliebte doch nicht. Die haben doch, was sie wollen.“
„Längst nicht alle“, sagte das Schild. „Manche suchen in ihrer Liebe sowas wie ’ne ewige Heimat.“
„Das klingt irgendwie schön.“
Die Straße überlegte: „Und wenn man die bekommen hat, was ist dann? Passiert dann noch was?“
„Schon möglich. Aber nur, wenn man sich zusammen auf die Reise macht.“ ? 

So total offen

„Hey, was hast du denn vor?“ fragte der Baum.
„Ich muss da rein.“
„Biste ja schon. Ohne mich zu fragen.“
„Wieso fragen? Auf mich wirktest du total offen. Da dachte ich, du hättest bestimmt Platz für so ’n kleines Geheimnis.“
„Was denn für ’n Geheimnis?“
„Für mich. Keiner darf mich finden, und ich will keinen mehr sehen.“
„Haste was verbrochen?“
„Ne, noch nie.“
„Versteh ich nicht“, sagte der Baum.
„Ja, guck dir doch mal die Welt an. Alles voll von Verbrechern. Da kriegt man doch Angst. Du etwa nicht?“
„Bisher nicht.“
„Boah, du hast Nerven.“
„Ich glaube, ich hab hier oben nur `ne bessere Aussicht.“
„Was siehste denn da?“
„Ganz viel Gutes. Typen wie dich zum Beispiel. Wenn die nicht mehr da sind, kriege ich auch Angst. Vielleicht.“

Kühle Beziehung

„Ich mach mir Sorgen um dich“, sagte der Winter zum Blatt.
„Wieso?“
„Weil du so deprimäßig herumhängst.“
„Ja und? Lass mich doch.“
„Ich würde aber schon gern wissen, was los ist.“
„Ach, alle haben sich davongemacht. Zuerst der Frühling, dann der Sommer und dann auch noch der Herbst, mit dem jeder Tag so herrlich bunt war.“
„Aha“, sagte der Winter. „Aber ich bin doch da. Und ich bleibe. Auf jeden Fall bis der Frühling wieder bei dir ist.“
„Das kann aber lange dauern.“
„Klar, aber daran siehste, dass `ne etwas kühlere Beziehung länger halten kann als `ne allzu heiße.“ 

Bettgeschichte

„Haste gut geschlafen?“, fragte der Stuhl das Bett.
„Blöde Frage.“
„Hey, wie bist du denn drauf?“
„Ich und schlafen!“, sagte das Bett. „Unsereins ist schließlich das beliebteste Naherholungsgebiet. Da hat man für sowas keine Zeit.“
„Gib nicht so an“, sagte der Stuhl. „Als sie noch in deinen Federn lag, machte er sich davon. Völlig fertig sah der aus. Und als ich ihn fragte, wie’s war, sagte er: Bei der hab ich `nen Stein im Bett.“