Die lange Bank

„Ich mag dich“, sagte das Problem zur langen Bank.
„Wieso das denn?“
„Weil auf dir so viel Platz ist.“
„Aber nicht für Typen wie dich“, sagte die Bank.
„Komm, nun sei mal nicht so. Irgendwo müssen die Leute doch mit mir hin.“
„Die können dich ja meinetwegen untern Teppich kehren.“
„Nein, bitte nicht“, flehte das Problem, „dann entdecken die doch nie, dass ich ganz anders bin.“
„Du und ganz anders?!“
„Klar, in Wirklichkeit bin ich die Lösung. Hab mich doch nur verkleidet. Als schwierige Aufgabe.“ 

Verwandlung eines Gaffers

„Wenn ich dich so ansehe, wird mir ganz anders.“
„Oh, ist das schön. Dass ich sowas nochmal zu hören bekomme“, sagte das Bild zum Museumsgast. „Und das in meinem Alter.“
„Äh“, stammelte der Gast, „klar, ich find dich schön. Und wie! Aber ich meinte noch was anderes.“
„Du machst mich ja ganz verlegen“, sagte das Bild. „Heißt das, du hast dich in mich …“
„Ne, halt mal! Ich meine: durchaus, aber.“
„Du kannst ruhig ganz offen sein.“
„Na gut. Also, es ist so“, sagte der Gast: „Du faszinierst mich.“
„Und weiter?“
„Aber irgendwie fühle ich mich wie ’n Gaffer, wenn ich dich ansehe. Komme mir vor wie einer, der bei einem schrecklichen Unfall anhält und Fotos macht, statt den Rettungswagen zu rufen.“
„So sehr fühlst du dich von mir angezogen? Von dem, was ich dir zeige?“
„Ja, es bewegt mich zutiefst, was ich da sehe. Habe das Gefühl, mitten in deinem Geschehen zu stecken, was tun zu müssen, aber nur zu gucken.“
„In diesem Fall ist das völlig okay“, sagte das Bild. „Mein Maler Philippe Jacques de Loutherbourg würde vor Freude aus dem Grab springen.“
„Wieso das denn?“
„Weil er sich Leute wie dich gewünscht hat. Er wollte, dass sie mich fasziniert anschauen und sich dabei wie Voyeure fühlen. Denn wenn sie das tun, kriegen sie ein Gefühl für die übermächtige und gnadenlose Natur und fühlen sich vor ihr ganz klein.“
„Und dann?“
„Dann entsteht etwas sehr Schönes: Demut.“ 

Viel zu klein

„Was würde ich drum geben, wenn ich sein könnte wie du“, sagte der Tropfen.
„Hey, wie bist du denn drauf?“, fragte der Baum.
„Es geht nicht ums Wie, es geht ums Wo. Guck doch mal, wo ich bin. Oder lass es lieber. Findest mich ja eh nicht, so winzig wie ich bin. So winzig und leicht, dass nicht mal ein Spinnennetz unter mir zusammenbricht.“
„Ja und?“
„Wie, ja und?! Guck dich doch mal an. So riesig und stolz wie du da stehst, kann dich doch keiner übersehen. Vor einem wie dir bleibt doch jeder staunend stehen.“
„Lieber Tropfen, du übersiehst was.“
„Nämlich?“
„Ich bin nicht nur riesig, ich bin viel mehr.“
„Aha. Dann biste vielleicht auch noch arrogant?“
„Keine Ahnung, wie man das nennt. Ich weiß nur, dass meine Größe aus ganz vielen Kleinigkeiten besteht. Und die sind alle total wichtig. Aus Ästen und Zweigen und aus Nadeln, auf denen du nun bei mir bist. Also haben wir was gemeinsam.“
„Wir?“
„Ja, so wie ich nur durch meine Äste und Nadeln sein kann, kann auch die Wolke über mir nur durch dich sein. Und diese Wolke hab ich verdammt lieb.“
„Warum?“
„Sie gibt mir Lebendigkeit. Immer, wenn sie Typen wie dich zu mir lässt.“

Niemand kommt zu dir

„An deiner Stelle würde ich mir ja total nutzlos vorkommen“, sagte das Feld zur alten Scheune.
„Wieso?“
„Weil dich keiner mehr braucht. Stehst leer in der Landschaft, und niemand kommt zu dir. Schon seit Jahren nicht. Da kann man doch nur vor Einsamkeit sterben.“
„Kann man auch anders sehen“, sagte die Scheune.
„Aha. Und wie?“
„Siehst du denn nicht die alten Bäume? Wie treue Wächter stehen sie bei mir und geben mir Schutz. Und du“, sagte die Scheune zum Feld, „du gibst mir Weite. Ach, und noch viel mehr: Solange es dich in meinem Leben gibt, habe ich eine wunderschöne Aufgabe.“
„Was haste denn mit mir zu tun?“
„Wenn der Westwind kommt, stehe ich ihm im Weg und kann dich vor ihm schützen.“

Ich hänge doch an dir

„Lass mich los!“, flehte das Laub.
„Weh doch einfach weiter“, sagte der Weidezaun.
„Wie denn?“
„Du bist herangeweht, da wirste ja wohl auch wieder wegwehen können.“
„Schön wär’s. Ich häng doch an dir.“
„Wirklich? Oh, du liebes flatterhaftes Laub, Schöneres hättest du mir kaum sagen können.“
„Willst mich wohl auf den Arm nehmen.“
„Ne, will dir nur Halt geben.“
„Wieso denn?“
„Weil ich nicht will, dass du auf den Boden segelst und vermoderst. Außerdem, irgendwie glaube ich, mich durchaus an dich gewöhnen zu können.“
Zärtlich um des Zaunes Spitzen tanzend sagte das Laub: „Ich glaube, ich mich auch an dich.“
„Wie schön, aber dann lass uns aufpassen, dass das Schöne nicht zu gewöhnlich wird.“ 

Wenn mich einer sieht

„Du hast es gut“, sagte der Nebel zur Linde.
„Wenn mich einer sieht, sieht er nur Probleme,
weil er nicht mehr durchblickt. Und dann die vielen Vögel.
Durch mich zischen sie nur hindurch, weil sie bei dir landen wollen.
Anschließend beschenken sie dich auch noch mit tollster Musik.“
„Stimmt, manchmal habe ich ’n ganzes Orchester in der Krone. Aber was wäre das alles ohne dich?! Du, mein lieber Nebel, bist das ersehnte Pausenzeichen zwischen lauter schnellen Takten und Läufen in den wildesten Partituren dieser Welt.“

Vor Anbruch des letzten Tages

Letzter Tag im Jahr, 
morgens um sieben. 
Noch einmal 
erwacht das alte Jahr. 
Das Hotel am See liegt da 
wie eine hell funkelnde Welt 
im schlafenden All. 
Mit hellem Leben 
bemalt es 
das nachtschlafende Wasser, 
bereitet dem Tag 
einen festlichen Empfang, 
würdigt mit stillem Feuerwerk 
was gewesen ist, 
und schickt 
sein Hoffnungsleuchten 
zu uns. Für alles, was kommen mag.

Bis ich dich erkenne

Ich mag dich, 
du zartes Nebelgewand. 
Wenn du die Welt 
mit dir umhüllst, 
ertasten meine Augen Formen 
wie einer, der Nacktheit sucht. 
Bald hör ich dich flüstern, 
hör wie du tuschelst 
mit meiner Fantasie, 
ihr ungewisse 
Versprechungen machst. 
Und im Ungewissen 
entdecke ich Leben. 
Nur Leben. 
Bis ich es rückwärts lese, 
dieses Leben, und dich 
in ihm erkenne, dich, 
meinen Freund, den Nebel. 

Den Himmel streicheln

Wie einer,
der auf Erden nichts verloren hat,
zieht’s ihn nach oben, sein Leben lang.
So hager seine Arme,
dass der Sonne Schattenmaler
sie kaum zeichnen kann.
Als wollte er den Himmel streicheln,
streckt der Ginster
sich mit grünen Armen dem Blau entgegen.
Und fegt der Wind über ihn hinweg,
neigt und erhebt er sich wie einer,
der angekommen,
schwingt mit athletischer Gestalt
sanft im Takt, den der Himmel ihm gibt.

Stürmisch und sanft

Sie sagen es zwar nicht,
aber es kommt trotzdem raus.
Man sieht es ihnen doch an,
all den Bäumen:
Keiner zieht sie an wie der Herbst.
Warum sonst sollten sie sich
von ihm ausziehen lassen.
Auf ihn haben sie gewartet
einen ganzen Sommer lang.
Darauf, dass er kommt.
Stürmisch und sanft.