„Steht dir richtig gut“, sagte der Baum. „Was?“, fragte das Fenster. „Deine Offenheit.“ „Was findste denn daran so schön?“ „Dass ich endlich mal nicht nur dein Äußeres sehe.“ „Magste mein Äußeres denn nicht?“ „Doch, durchaus, aber was ich jetzt entdecke, ist was ganz Besonderes.“ „Was denn?“ „Die Schönheit, die in dir ist.“
„Ich finde, unsere Freundschaft ist echt was Besonderes“, sagte die Schwalbe. „Aha“, sagte das Seil. „Was heißt hier Aha?! Ist dir wohl völlig egal, dass ich auf dich fliege?“ „Nö. Frag mich nur wieso?“ „Weil ich bei dir immer landen kann.“ „Aber nur weil du es schaffst, bei mir runter zu kommen, bist du doch nicht meine Freundin.“ „Na hör mal, was bin ich denn für dich?“ „Schön. Und irgendwie auch elegant.“ „Wie, mehr nicht?!?!“ „Doch, ’n richtig schöner Zugvogel bist du.“ „Was willste denn damit sagen?“ „Dass du die Flatter machst, sobald es hier zu ungemütlich für dich wird.“ ?
„Wenn ich dich so ansehe, denke ich, dass wir ganz prima zusammenpassen“, sagte der Himmel zur Nordsee. „Das Gefühl hab ich auch. Aber wieso eigentlich, wo doch jeder von uns sein ganz eigenes Ding macht?“ „Das ist ja genau der Punkt“, sagte der Himmel: „Jetzt machste einen auf Ebbe, und dann kommste als Flut dahergefegt.“ „Und du?“, fragte die Nordsee. „Siehste doch. Im Moment bringe ich den Tag, etwas später die Nacht.“ „Und wem bringt das was?“ „Den Menschen.“ „Wieso?“ „Weil jeder von denen auf Suche nach der Ewigkeit ist.“ „Ach so. Und wo ist die?“ „Im stetigen Wandel. Also in dir und in mir.“
„Ich finde, das steht dir nicht“, sagte das Gestrüpp. „Was?“, fragte der Reifen. „Hier so rumzustehen.“ „Musst du gerade sagen. Kommst doch auch nicht von der Stelle.“ „Ist ja auch nicht meine Aufgabe“, sagte das Gestrüpp, „aber deine schon.“ „Wieso?“ „Bewegte Typen wie du müssen rotieren. Hast wohl noch nie gehört, was andere so sagen.“ „Nee, was denn?“ „Dass der Weg das Ziel ist.“ „Aber wenn das immer so ist, komme ich ja nie zum Innehalten.“ „Ja und? Was haste denn davon, unbewegt hier rumzustehen?“ „Jetzt, wo ich stehe, fühl ich mich wie noch nie. Ganz bewegt.“ „Wie das denn?“ „Weil ich erst im Ruhemodus merke, wo ich stehe. Und was ich hier sehe, finde ich wunderschön.“ ?
„Wenn ich diesen Typen nur sehe. Ich könnte den“, sagte der eine Grashalm zum anderen. „Wen?“ „Den blöden Reiher.“ „Der ist gar nicht so blöd.“ „Ach, komm! Der beachtet uns doch gar nicht. Und wie der geht. Der schreitet doch nur. Wie einer, der ’n Besenstiel verschluckt hat. Total arrogant, dieser Typ.“ „Weiß nicht.“ „Guck dir doch mal dieses Selbstbewusstsein an!“ „Seh ich ja.“ „Na also.“ „Aber Arroganz sieht anders aus.“ „Wie denn?“ „Zum Beispiel wie endlos wirkendes Selbstbewusstsein trotz völliger Ahnungslosigkeit. Aber dieser Typ blickt durch. Der weiß, wie er was in den Schnabel kriegt, bevor es die Flucht ergreift: nur vorsichtig staksend.“ „Mir ist die Kuh trotzdem lieber.“ „Warum?“ „Die schaut einen immer so nett an.“ „Klar, weil wir ihr gefundenes Fressen sind.“ ?
„Ist ja nicht mit anzugucken“, sagte die Weide. „Was?“, fragte der Baum. „Dieses schräge Etwas da. Und sowas nennt sich Zaun.“ „Was haste denn gegen den?“ „Musst du gerade fragen, so aufrecht wie du bist“, sagte die Weide. „Ich find’s ätzend, wenn sich einer so hängen lässt. Das ist doch keine Haltung.“ „Nu lass mal gut sein“, sagte der Baum, „der Zaun ist ja nicht nur ’n Zaun.“ „Ach nee, was denn noch?“ „Ne Gemeinschaft.“ „Was denn für ’ne Gemeinschaft?“ „Eine aus Pfählen und Latten. Und ich frage mich immer, wie die es schaffen, seit ewigen Zeiten zusammenzuhalten.“ „Mir geht da was durch’n Kopf“, sagte die Weide. „Und?“ „Vielleicht können sich am besten die Halt geben, die viel voneinander halten.“
„Mal ’ne Frage, so von Margerite zu Margerite“, sagte die eine zur anderen. „Findeste nicht auch, dass wir unheimlich gut aussehen?“ „Jedenfalls ganz passabel“, sagte die andere. „Passabel? Also ich finde, wir sind ’ne Pracht.“ „Nicht nur wir.“ „Ja, okay, aber hier sind wir außer Konkurrenz.“ „Und was ist mit unserem Glockenturm? Ich finde den total imposant.“ „Er sich aber auch, dieser Angeber. Der will doch nur eins: hoch und höher hinaus. Für unsereins hat der doch gar keinen Blick.“ „Der ist wahrscheinlich in den Himmel verliebt.“ „Ich sag’s ja: Angeber. Träumer. Rafft überhaupt nicht, dass der Himmel ’ne Nummer zu groß für ihn ist.“ „Lass ihn doch. Wird schon passen.“ „So ein Stuss.“ „Nee, im Traum ist nix unmöglich. In der Liebe doch auch nicht. Die zieht einen immer hoch hinaus. Ist übrigens auch gut so.“ „Wieso?“ „Weil sie uns sonst nie so tief berühren würde. Träumst du denn nie?“ „Klar.“ „Und wie ist das?“ „Ganz merkwürdig. Ich erfahre da immer Sachen über mich, von denen ich nicht mal gewagt hätte zu träumen.“ ?
„Irgendwie beneide ich den ja“, sagte die Kornblume. „Wen?“, fragte das Gras. „Den ollen Stacheldraht.“ „Wieso?“ „Weil der nie Angst haben muss, dass seine Zeit bald vorbei ist. Steht ewig an seiner Kuhweide, und jeder hat vor ihm Respekt.“ „Respekt?“, sagte das Gras, „höchstens Angst. Und das gilt auch nur für Rindviecher.“ „Meinste?“ „Klar, wenn hier einer mutig ist, dann eher du.“ „Du spinnst.“ „Nee“, sagte das Gras, „Viel mehr Angst hat doch der, der sich fürchtet, sie zu zeigen. Aber du erzählst mir von deinem Fracksausen.“ „Aber er sieht so mächtig aus mit seinen Stacheln.“ „Mag sein, mehr Macht hat aber einer, der Freude macht.“ „Wie das?“ „Ja, guck dich doch mal an. Alle, die dich sehen, kriegen strahlende Augen. Die bleiben stehen, selbst wenn sie es eilig haben. Und weil sie noch länger was von dir haben wollen, nehmen sie dich als Foto auch noch mit nach Hause.“ ?
„Hey, was ist denn mit dir passiert“, sagte der Weg zum alten Durchgang. „Wieso?“ „Man kennt dich ja gar nicht mehr wieder.“ „Red nicht, hast mich doch erkannt.“ „Aber nur nach genauem Hinsehen.“ „Ja und?“ „Früher war das anders. Du wirktest so offen und einladend.“ „Glaubst auch nur du.“ „Nein“, sagte der Weg, „alle fanden dich toll.“ „Ach nee, hat mir aber trotzdem keiner die Türen eingerannt.“ „Und jetzt, wo du dicht gemacht hast?“ „Auch nicht so toll. Lassen mich alle eiskalt links liegen.“ „Klar, wer mauert, ist nicht erreichbar. Kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass ich dir so nahe sein kann.“ „Wieso?“ „Weil mit Nähe Kälte verschwindet. Ich merk’s schon.“ ??
Ich geb’s ja zu. Nicht nur, dass dieser Text mordsgefährlicherweise als Werbung verstanden werden kann. ? Der präsentiert auch etwas, das ohne euch nie entstanden wäre. Denn ganz viele von euch waren es, die mich immer wieder baten, aus meinen Bildgeschichten doch mal ein Buch oder einen Kalender zu machen. Nun ist es passiert: Im Verlag Calvendo ist mein Kalender 2021 erschienen. Darin philosophieren Bäume, Türen und andere clevere Gestalten über das gute Leben.