In diesem Abendschweigen

Die Nacht steigt auf 
wie ein tiefer letzter Atemzug 
der Welt, 
und doch liegt in ihr 
kein ewiges Verstummen. 
Überm finstren Horizont 
thront kathedral ein Licht.
Es spricht nicht 
von sich selbst, 
es erzählt von dem, was bleibt: 
von Wärme, von Wiederkehr, 
von einem Morgen, 
der im Schatten schon erwacht.

So vieles fällt in dieser Zeit – 
Gewissheit, Sicherheit, 
manchmal auch der Mut. 
Die Tage tragen Schwere, 
die Stimmen der Angst
gleichen heulenden Sirenen. 
Doch selbst 
an dunkelsten Abenden 
bleibt ein stilles Leuchten 
über uns 
wie ein Erinnern, 
das niemand löschen kann. 
Nichts versinkt ganz. 
Nichts geht für immer verloren.

So wie die Sonne 
sich zurückzieht 
ohne zu fliehen, 
ohne zu kapitulieren,
nur, um woanders 
zu erscheinen,
auch für andere da zu sein. 
So wie der Mond 
sein Licht nur leiht 
und dennoch hell genug ist, 
um uns durch die Nacht zu leiten. 
So wie Wolken glimmen, 
obwohl kein Tag mehr scheint.

In diesem Abendschweigen, 
im Nachtblau, 
das die Welt bedeckt, 
liegt ein Versprechen, 
das älter ist als jede Angst: 
Jede Dunkelheit ist vorläufig. 
Jedes Ende 
trägt einen Anfang in sich. 
Und manchmal 
genügt ein einziges 
helles Zeichen 
am abendlichen Himmel, 
um uns zu sagen, 
dass wir nicht machtlos sind.

Jeden Tag dasselbe

„Ich versteh die nicht“, sagte die Sonne.
„Wen verstehste nicht?“, fragte die Wolke.
„Die da unten. Ist doch jeden Tag dasselbe: Sobald ich ’n Abgang mache, stehn sie da, sagen nichts mehr, staunen nur noch.“
„Freu dich doch“, sagte die Wolke, „das schafft nicht jeder.“
„Was, gesehen zu werden?“
„Nein, die da unten so zum Staunen zu bringen, dass es ihnen die Sprache verschlägt.“
„Ja gut, aber was haben sie davon?“
„Dich wortlos bestaunend entdecken sie eine neue, ganz stille Sprache: die ihrer Menschlichkeit.“ ??

Ruhig mal mit Romantik betrachten

Weit gucken ist hier nicht drin. Aber man kann das, was man bei solch schummrigem Licht nicht sieht, ja auch mit Romantik betrachten. Dann ist es das Licht, das die Dunkelheit sehnender Einsamkeit erhellt. ?

Das Feld schläft

Das Feld schläft,
ruht lautlos
unter seiner weißen Decke.
Der Himmel
hält mit goldenem Auge Wacht,
und die Wildgänse
rufen leis ihr Fernweh
in unsere Träume hinein.

Andreas Klaene

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Der Tag geht dahin

Der Tag geht dahin.
Folgen wir ihm in die Nacht,
lassen uns vom weiten Laken
des Himmels zudecken
und uns vom Morgen
in die Weiten
des neuen Tages locken.

Andreas Klaene