Du bist doch ein Nichts

„Du bist brutal“, sagte die klapprige Sperrholzwand zur mächtigen Mauer.
„Ich und brutal? Ich bin doch nur stark, ich bin die klare Linie, die unmissverständliche Trennung. Aber wenn ich dich so ansehe, du bist doch ein Nichts. Ein Tritt, und du liegst flach.“
„Aber das wird nicht passieren“, sagte die Sperrholzwand, „denn mich mögen die meisten, dich jedoch nur wenige.“
„Hey, was bildest du dir ein?“, sagte die Mauer.
„Nichts, sagte die Sperrholzwand. Ich stelle lediglich etwas fest: Du verhinderst mit deiner Stärke nur Nähe. Aber ich kann mehr, und dafür lieben mich die Massen, denn ich verhindere Nähe und zugleich Distanz. Und darum sagen die Menschen, ich sei die Höflichkeit.“ ?

So gern hätte er Licht gemacht

Er konnte sie kaum noch erkennen, so schummrig war das Licht in ihrem Zimmer. Alles, was er so gern an ihr betrachtete, bedeckte der Abend mit dem grauen Vlies des davonziehenden Tages. So gern hätte er Licht gemacht, aber er wusste, dass sie es nicht brauchte. Ihre dunkle Brille verbarg Augen, die nie etwas gesehen hatten. Als er sich aufmachte, sagte sie, er sei schön. Sein Danke klang wie ein Fragezeichen. Es stand hilflos zwischen ihnen auf dem grauen Boden aus Stein.
„Sie haben meine Dunkelheit erleuchtet“, sagte sie. „Mit Ihren Worten. Sie schimmern hell. Wie die Gesten eines Pantomimen.“

Wenn du so weiter machst …

„Man muss sich ja für dich schämen“, sagte das alte Haus. „Wenn du so weiter machst, fällst du noch total aus dem Rahmen.“
„Kann schon sein“, sagte das alte Fenster. „Ich hoffe jedenfalls, dass ich das schaffe. Irgendwie. Sonst fühle ich mich nämlich bald nur noch beschränkt.“
„Aber hör mal, das kannste doch nicht machen. Ich meine, einfach so aus dem Rahmen fallen. Du zerdepperst doch das schöne Bild der Welt.“
„Welcher Welt? Meiner nicht. Ich glaube, ich überwinde einfach Grenzen. Außerdem fühle ich mich hier wie bei ner Psychoanalyse: Jeder guckt in mich rein.“ ?

Bis zum Umfallen

„Ist doch kein Leben, so ein Rumstehen bis zum Umfallen“, sagte das Denkmal. „Seit Jahrhunderten frage ich mich, ob die, die unter mir liegen, mich jemals gebraucht haben. Wenn ja, dann haben sie einen wie mich nicht verdient. Und falls sie mich doch verdient haben, dann können sie mit einem wie mir nichts anfangen. Ich glaube, ich leg mich jetzt einfach mal hin.“ ?

Wo die schönste Nähe Weite tankt

Man könnte sich ja ab und zu (und dann immer mal wieder ?) ans Meer setzen. Da, wo die schönste Nähe Weite tankt und gar nicht auf die Idee kommt, im Sand zu verlaufen. ?

Und jetzt VORSICHT: Dies ist unbezahlte Werbung. ? Hier steht ein kleiner Dialog aus meinem Roman „Till Türmer“:
„Bist du häufig hier?“
„Häufig? In der letzten Zeit schon. Vor allem nach Tagen, die mir keine Ruhe lassen.“
„Du meinst, wenn es besonders schwer war?“
„Dann zum Beispiel, aber auch, wenn’s besonders schön ist.“
„Und was machst du dann hier am Strand mit der Last?“
„Ich schaue zu, wie das Meer mir die ganz harten Brocken wegreißt. Wenn ich dann lange genug hier unterwegs bin, werden sie alle von den Wellen aufgeweicht.“

Völlig ausgeflippt

„Bist ja völlig ausgeflippt“, sagt die Unerfahrenheit zum Übermut. „Das wirste noch bereuen.“
„Bereuen? Glaub ich nicht“, sagt der Übermut. „Ich liebe Luftsprünge. Wenn ich oben bin, kann ich den Horizont sehen. Und zwischen dem und mir liegt ne große schöne Welt.“ 

Eine Vision

Klar finde ich es richtig, jede gute Gelegenheiten zu nutzen. Wenn man’s nicht tut, dreht sie einem den Rücken zu. Und dann steht man da. Genau da, wo ich jetzt rumstehe. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als diesen blöden Rücken zur Kenntnis zu nehmen. Ich mache das. Jedenfalls erstmal. ? Und indem ich das ein paar Sekunden lang gemacht habe, ist meine Anguckerei ganz unmerklich zum Betrachten übergegangen. Dabei spüre ich die sanften Formen schon fast in meiner Hand. Und das, obwohl ich hier überhaupt nichts anfasse. Also irgendwie muss da noch mehr passieren, denke ich. Das kann einfach nicht alles sein. Auf einmal steigt meine Stimmung. Ich bin froh, dass die Gelegenheit mir den Rücken gekehrt hat. Nun habe ich nämlich eine Vision. Eine, die sich wie ein Handschmeichler meiner Sinne anfühlt. ?

Felsen zum Schmelzen bringen

Mit dem richtigen Geschenk soll man ja angeblich sogar Felsen sprengen können. Angeblich. Und was macht man, wenn einer aus lauter Angst vor entsprechender Geschenkrevanche immer größer wird und wie ne Gebirgskette vor einem steht? Handelsübliche Mitbringsel kriegt man da nicht rüber. Also bleibt nur liebevolle Zugewandtheit. Wenn die zärtlich ausfällt, erdrückt sie nicht und kann Felsen zum Schmelzen bringen. ? 

Mal genau anschauen

Es gibt ja Leute, die bei jeder Frage mauern. Wenn man sich die mal genau anschaut, versteht man auch warum: Die haben Lücken. ?

Das steckt an

Es passiert was, wenn ich sie anschaue. Nicht immer. Nur dann, wenn ich mir ein paar Sekunden gönne. Wenn das Filigrane, das Zarte, Zerbrechliche anfängt, mich zu beeindrucken. Aber was ist es, was sich dann tut? Lange Zeit hatte ich keinen Schimmer, jetzt kommt mir eine Ahnung: Ich glaube, filigrane Zartheit steckt an. Wer sie betrachtet, verliert Härte, empfindet zarter und wird es auch. Das bleibt nicht ohne Folgen. Es entsteht Glück. Und das schützt vor Unglück. ??