Das große Plus

„Also, ich bin ja offen für so ziemlich alles“, sagte das linke Kirchenfenster zum rechten, „aber das ist mir zu schrill.“
„Was?“
„Das Kreuz da.“
„Wie hättste es denn gern?“
„Nicht so. So bunt und harmlos wie ’n Osterei. Ist doch schließlich ein Folterinstrument. Und Zeichen von finsterstem menschlichen Verhalten.“
„Alles richtig. Aber in diesem entdecke ich mehr.“
„Mehr?“
„Ja, sieh doch mal: ein leuchtendes Plus. Und das sagt, dass nach jeder noch so finsteren Zeit eine andere kommt. Eine, auf die man sich freuen kann. Und weißte, was mich total begeistert?“
„Sag’s!“
„Dass wir dieses Plus mit Licht erfüllen.“ 

Verwurzelt glücklich

„Oben rum biste ja echt `n Hingucker“, sagte der Baum zu seinem Nachbarn, „aber unten …“
„Hey, haste etwa was gegen meine Wurzeln?“
„Nö, nicht wirklich. Man braucht die ja. Ach, Mensch müsste man sein, dann käme man ohne klar.“
„Aber wenn so `n Mensch welche hat, ist er besser drauf“, sagte der Baum.
„Haste schon mal einen mit Wurzeln gesehen?“
„Ja, meistens gleich mehrere zusammen. Mindestens zwei.“
„Was waren das denn für Exemplare?“
„Alles welche, die sich richtig mochten.“
„Wie haste das denn gesehen?“
„Weil die sich gut taten. Die sahen so glücklich aus.“
„Und wie haben die das hingekriegt?“
„Durch ihre Wurzeln. Aber nicht solche wie unsere.“
„He?“
„Ja, unsichtbare, die sich verbinden.“
„Das wünsche ich mir auch. Mit dir. Aber wie soll das gehen?“
„Indem ich dir Gutes wünsche. So wie du mir. Dann können unsere Wünsche wie Äste im Himmel zusammenwachsen.“ ?

Neue Einsicht eines alten Fensters

„Sag mal, kapierst du das?“, fragte das linke Fernster das rechte.
„Was?“
„Dass die nie hier sind.“
„Wer?“
„Sie und er.“
„Ach so. Ja, die fühlen sich halt überall zu Hause.“
„Könnt ich nicht.“
„Ist aber gar nicht so schlecht.“
„Wieso?“
„Überleg doch mal: Wer sich überall zu Hause fühlt, kann nie fremdgehen.“ ?

Er war so umwerfend

„Entschuldige, aber dieser Wind war einfach umwerfend“, sagte die Birke.
„Ach so“, sagte der Weg, „und ich hab schon gedacht …“
„Was haste gedacht?“
„Ach nix“, sagte der Weg.
„Wie, nix?“
„Was soll ich schon gedacht haben?! Dass du meine Nähe suchst. Und dass du wirklich so stark bist wie du aussiehst.“
„Und wieso zweifelst du plötzlich daran?“
„Wenn du’s wärst, dann wärste bei mir doch schon ganz von allein umgefallen. Auch ohne Wind.“ ?

Heiß auf Abstand

„Boah, ist das hier kuschelig“, sagte das Holz.
„Aber auch ganz schön eng“, sagte das andere.
„Heißt das, dass du meine Nähe nicht schön findest?“
„Quatsch, du weißt doch, wie du mir gefehlt hast, als wir noch meterweit auseinander lagen.“
„Also, dann freu dich doch!“
„Tu ich ja.“
„Aber nicht so richtig doll.“
„Doch, ich überleg nur.“
„Was überlegste denn?“
„Dass einer, der Abstand hält, sich nicht automatisch entfernt.“
„Hey, geht’s noch komplizierter?“
„Nee, da ist wirklich was dran: Als ich noch ganz weit von dir weg lag, kapierte ich erst, wie sehr ich dich mag.“ 

Schon ewig unberührt

„Was stehste so verloren rum?“, fragte das Fenster den Schuh.
„Weil ich’s bin: total verloren.“
„Wie meinste das?“
„Schlüpft doch schon ewig kein Fuß mehr in mich rein.“
„Dann ist aber auch schon ewig keiner mehr mit dir durch ’n Dreck gelatscht.“
„Was ist eigentlich mit dir?“, fragte der Schuh. „Ich meine von wegen Dreck. Siehst mir auch ziemlich vergessen aus. Transparenz ist jedenfalls was anderes.“
„Stört mich überhaupt nicht“, sagte das Fenster.
„Wieso nicht?“
„Weil viele nur von Transparenz reden, um Offensichtliches zu vernebeln. Gut, dass ich da nicht mehr mitmachen muss.“ ??

Weil auch welke Wesen dürsten

„Ich hab auch schon mal was Frischeres als dich gesehen“, sagte die Vase zur Blüte.
„Und warum schaust du mich dann dauernd an?“
„Frag ich mich auch“, sagte die Vase.
„Wie, du weißt es nicht?“
„Doch, eigentlich schon, aber irgendwie auch nicht.“
„Vielleicht findest du mich ja einfach schön. Trotz meines Alters“, sagte die Blüte.
„Geht doch gar nicht. Andererseits, irgendwie fühlt sich das so an.“
„Wieso meinst du, dass das nicht geht?“
„Hast wohl vergessen wie alt du bist. Wo soll denn da noch Schönheit herkommen?“
„Ich glaube aus meinen Träumen, aus meiner Hoffnung.“
„Und wovon träumst du?“
„Von jemandem, der mich gern sieht.“
„Wieso?“
„Weil auch welke Wesen dürsten.“

Einfach mal Köpfe heben

„Sag mal, findet ihr mich wirklich so verdammt schön?“, fragte die Erde die Narzissen.
„Wie kommste denn darauf?“
„Mein ja nur. Kann natürlich auch sein, dass ihr einfach unheimlich viel im Schädel habt.“
„Hä?“
„Tja, warum guckt ihr sonst ständig mit hängendem Kopf zu mir runter?“
„Bei dem kalten Wetter? Was solln wir denn sonst tun?“
„Ich würde ihn ja einfach mal heben, den Kopf.“
„Und warum?“
„Weil man dann was Neues entdeckt und über vieles hinwegsehen kann.“

Der Schräge

„Glaubst du wirklich, dass du hier hingehörst“, fragte einer der Aufrechten den Schrägen. „Glaub schon“, sagte der Schräge. „Wieso?“
„Schau dich doch mal um, hier steht man gerade.“
„Hab ich schon gesehen. Aber einfach nach oben ist halt der schnellste Weg zum Licht.“
„Nicht nur das“, sagte der Aufrechte, „man macht auch ’ne bessere Figur.“
„Ach so“, sagte der Schräge, „ich dachte schon eure Haltung wär ’n Strammstehen vor der Sonne.“
„Strammstehen? Wir sind halt integriert. Was man von dir nicht gerade sagen kann.“
„Macht doch nichts“, sagte der Schräge. „Integration ist ’ne prima Sache, klingt aber so vornehm, dass ich manchmal misstrauisch werde.“
„Warum?“
„Weil dahinter ’ne Anpassung steckt, die ich lieber Unterwerfung nennen würde. Nicht immer. Aber ab und zu. Und ziemlich oft.“ ?

Nachttopf-Traum

„Träumste eigentlich auch manchmal davon, ein anderer zu sein?“, fragte der Nachttopf das Bett.
„Nö.“
„Ich schon.“
„Was wärste denn gern?“
„Ne Urne, das würde mir gefallen.“
„Wie bitte?“
„Ne, nich so eine fürn Friedhof. Ne Wahlurne wär ich gern.“
„Wieso das denn?“
„Weil dann jeder seine Geheimnis in mich reinfallen ließe.“
„Stell dir das nicht so lustig vor.“
„Wieso?“
„Du kannst Pech haben, und es landet lauter brauner Mist in dir. Und dann wärste unterm Strich nichts anderes als ’ne Urne, in der sämtliche Wählerhoffnungen zu Grabe getragen werden.“