Wir sollten es wagen

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Gastkolumne in OM-Medien, Münsterländische Tageszeitung und Oldenburgische Volkszeitung am 9. August

Passiert es Ihnen hin und wieder, dass Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin gehörig zusammenfalten? So, wie man das mit der besseren Hälfte nicht einmal machen sollte, wenn sie sich von ihrer schlechtesten Seite gezeigt hat? Dann machen Sie sich keine Gedanken! Höchstwahrscheinlich können Sie nämlich nichts dafür. Jedenfalls nicht wirklich. Das ziehe ich als Fazit aus einem Buch, das in den letzten zehn Jahren mehr als unglaubliche 3,2 Millionen Mal verkauft wurde. Darin geht es oft (und öfter) um Michael und Sabine. Sie kommt vom Einkaufen zurück, hat seine Lieblingswurst vergessen, und er reagiert mit einem Wutausbruch. 

Was hat diesen Mann geritten? Stefanie Stahl ist Psychologin und Autorin des erwähnten Buches mit dem Titel „Das innere Kind in dir muss Heimat finden“. Sie meint, Michael wisse nicht, dass der Grund für seine enorme Wut gar nicht Sabines Vergesslichkeit ist, sondern dass seine Mutter seine Wünsche als Kind nicht ernstgenommen hat. Weil ihm der Zusammenhang zwischen seiner Reaktion auf Sabine und den Erfahrungen mit seiner Mutter nicht bewusst sei, könne er „nur wenig Einfluss auf seine Gefühle und sein Verhalten nehmen.“ Alles hänge mit dem „inneren Kind“ zusammen, sagt die Autorin. Das sei auch der Fall, „wenn ein Staatsmann die Grenzverletzungen eines anderen Staatsmannes mit militärischem Angriff beantwortet.“

Leider gibt es unzählige Menschen, die in ihrer Kindheit dermaßen verletzt worden sind, dass es ihnen kaum möglich ist, ihr Leben verantwortungsvoll und lebenswert zu gestalten. Aber bei der Vorstellung, dass derart Geschundene versuchen, sich anhand ihres „inneren Kindes“ selbst zu therapieren, wird mir angst und bange. 

Es wundert mich allerdings nicht, dass dieses Buch einen regelrechten Hype entfacht hat. Denn es fühlt sich durchaus verführerisch behaglich an, wenn ich lese, dass der Grund für mein beklopptes oder niederträchtiges Verhalten so gut wie immer in meiner vermasselten Kindheit zu finden ist. Die liegt glücklicherweise so tief in mir vergraben, dass ich sie tunlichst lasse, wo sie ist. Auf diese Weise muss ich nicht nach Lösungen suchen und kann jede lästige Eigenverantwortung begraben. 

Falls nun jemand argwöhnt, ich hegte Ressentiments gegen die Psychologie und die Vertreter dieser Zunft: ganz und gar nicht. Stattdessen bedaure ich, dass vor allem viele problembelastete Männer eher geneigt sind, nach einem Strick zu greifen, als ihren Finger auf den Klingelknopf eines erfahrenen Psychologen zu drücken. 

Aber wenn jedem Schurken mit Blick auf sein zu kurz gekommenes „inneres Kind“ die Absolution erteilt wird, haben wir bald eine infantile Gesellschaft, eine, die nicht erwachsen geworden ist und keine Notwendigkeit sieht, es zu werden.

Solchen Menschen begegne ich schon allzu oft. Für alles, was sie in ihrem Leben nicht auf die Reihe bekommen haben, machen sie ihre Eltern verantwortlich. Auf diese Weise umgehen sie jeden Kampf. Klar, bei solchen Kämpfen kann man verletzt werden. Das macht Angst. Aber dennoch: Wir sollten es wagen, unser äußeres, das große Kind in uns kritisch ins Visier zu nehmen. Immer wieder. Das kann verwunden und auch eine Narbe hinterlassen. Aber diese Narbe ist dann kein Makel. Sie ist ein Gütesiegel selbst erarbeiteter Mündigkeit. Und mit dem kann man sich gut sehen lassen. Auch und nicht zuletzt im Spiegel. 

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