„Da fall ich lieber vorher tot um“

„Siehst ganz schön alt aus“, sagte der junge Baum zum alten.
„Bin ich ja auch.“
„Und wie hältste das aus? Also ich will nicht so enden. Da fall ich lieber vorher tot um.“
„Hab doch nichts auszuhalten“, sagte der Alte, „jedenfalls nichts Schlimmes.“
„Und was ist mit der Einsamkeit? Hier ist doch nichts los.“
„Das war ja nicht immer so. Früher waren wir viele. Sehr viele.“
„Das mein ich doch. Heute ist kaum noch einer da, nur die Einsamkeit.“
„Und die Ruhe“, sagte der Alte. „Seit die da ist, komme ich zu mir selbst.“
„Aha. Und wenn dich mal was runterzieht, hilft dir keiner wieder hoch.“
„Stimmt, aber die Ratschläge anderer führen mich nicht zu mir selbst.“
„Das ist mir zu hoch“, sagte der junge Baum.
„Alle, die mir früher halfen, hatten gute Absichten, denn sie hatten mich gern. Aber auch sie waren nicht glücklich. Sie rieten mir zu dem, was sie gelernt hatten. Zu anderem konnten sie mir nicht raten.“
„Immerhin“, sagte der junge Baum.
„Zu viele gaben mir ihre Lebensauffassung mit, durch die sie selbst nicht glücklich wurden.“
„Aber wie soll es anders gehen?“
„Indem man diese Kette bricht. Aber tut man es, fühlen sich deine Ratgeber nicht geachtet, denn du lehnst es ab, ihr Leben zu führen.“
„Anders geht es doch gar nicht.“
„Doch, indem man sich seiner selbst bewusst wird. Und das gelingt nur in der Stille.“
„Und dann?“
„Dann macht man die größte aller Erfahrungen: die der eigenen Einmaligkeit.“

Und dann sitzt sie neben mir

So nach ihr gesehnt,
wie nach einer Liebe,
die nur in Träumen war.
Sitzt sie endlich neben mir,
bin ich doch nicht mit ihr allein.
Die Ruhe hat die Stille mitgebracht,
redet lautlos mit meinen Gedanken,
selbst mit solchen,
denen ich das Maul gestopft.
Wie beunruhigend sie doch ist,
die herbeigesehnte Ruhe.
Halt ich sie aus,
höre ihr zu,
klingt leis in der Stille
mein von der Ruhe gewecktes Ich.