„Das ist doch ein bisschen wie Nordsee“

Ein paar Sätze Deichgeflüster aus meinem aktuellen Roman:
„Bei diesem Wort durchfuhr es ihn, und er schaute sie an, als hätte sie einem Fiebernden die Decke weggerissen.
,Leben und Sterben, das ist doch ein bisschen wie Nordsee‘, sagte sie.
,Wie das?‘
,Bei Flut haben wir sie total lebendig. Bei Ebbe verschwindet sie wie eine, die stirbt. Aber sie kann die Flut nicht ohne die Ebbe haben, und so lieben wir sie.‘

In weiter Ferne lagen drei Containerschiffe wie schwimmende Bleistifte auf dem Meer. Sie schienen sich kaum vom Fleck zu bewegen. Aber Till hatte auf einmal das Gefühl, …'“

Ein kleiner Auszug aus meinem Roman Till Türmer.

MerkenMerken

MerkenMerken

Altersschönheit

Es gibt sie,
diese Schönheit des Alters.
Bei Menschen
wie bei Bäumen.
Wer sie entdeckt,
fühlt sich verführt,
sie zu betrachten,
in ihren Formen,
ihren Linien,
ihrem Ausdruck zu lesen,
was Jugend
nicht beschreiben kann.

Andreas Klaene

Sie können auch erotisch

Von wegen starr und kalt. Häuser können sich durchaus gefühlvoll, rhythmisch und geradezu erotisch zeigen. Dieses hier auf jeden Fall. Es steht in Prag direkt am Ufer der Moldau und erinnert an eine Tänzerin im gläsernen Faltenkleid, die sich grazil an den Mann an ihrer Seite schmiegt.

Vor tausend Jahren von einem Stern gefallen

„Links vom Deich lag das abendliche Meer, wie mit kristallenen Tupfern besprenkelt. Rechts, mit einigen Weiden und Feldern Abstand, das von kleinen Gassen geäderte Runddorf Rysum. Mit seinen roten Höfen und geduckten Landarbeiterhäusern hockte es in der grünen Weite der Krummhörn, als wäre es vor tausend Jahren von einem Stern gefallen.“

Ein kleiner Auszug aus meinem Roman Till Türmer und die Angst vor dem Tod. Von einem, der auszog, das Gruseln zu verlernen.

Der sie in tosenden Zeiten hält

Nichts wirft ihn um.
Kein Sturm, keine Flut,
keine Gischt.
Was andere fürchten,
nimmt er stoisch hin,
weil es Leben ist.
Sein Leben,
das ihm Form und Farbe gibt,
das ihn stark macht für die Ängstlichen,
die er in tosenden Zeiten hält.

Andreas Klaene

MerkenMerken

Klangpalast küsst Himmel

Frei nach Eichendorff ist’s, als hätt‘ der Himmel die Erde still geküsst. Die Elbphilharmonie und der Himmel scheinen sich zu berühren. Funkelnd wie ein gigantischer Brillant streckt sich der Klangpalast empor, so, als wolle er Erde, Himmel und Unendlichkeit mit seiner Musik erfüllen.

Die mit den Sinnen spielt

Im Frühling
zieht sie es an,
ihr grünstes Kleid,
steht da,
inmitten nackter Gesellschaft,
putzt sich von Tag zu Tag
reizvoller heraus,
zeigt unseren Augen,
wie lebendig Leben ist,
verführt Finger,
ihr Kleid zu berühren,
ihre grünsamtene Hülle
zu erspüren.
Die Buche.

Andreas Klaene

Und dennoch finde ich sie riesig

Soeben noch lag sie neben mir, so starr wie ein Schwarzbrot. Alles, was für sie zählte, war das Zusammensein mit mir. Dann schnellt sie hoch. Und das nur, weil das Schreien der Wildgänse die abendliche Luft durchdringt. Dieser Klang alarmiert ihre Sinne. Ihr sezierender Blick durchsucht und zerlegt die Weite. Ich bin bei ihr und bin mit dem Ruf der Gänse zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft – und finde sie riesig.