Ganz plötzlich reich

OM-Kolumne August

Wenn ich will, dass Sie meine Kolumne lange im Kopf behalten, sollte ich mir ein anderes Thema suchen. Mein heutiges ist nämlich zu positiv. Denn wir suchen eher negative Infos, und wir verarbeiten sie auch schneller und intensiver als positive. Das ist wissenschaftlich belegt. „Verantwortlich dafür ist unser Steinzeithirn“, sagt die Kölner Professorin für Medienpsychologie Maren Urner. Aus evolutionspsychologischer Sicht sei dies ein Überlebensvorteil. „Denn eine verpasste negative Nachricht hat in Zeiten von Säbelzahntiger und Mammut den Tod bedeuten können.“ 

Dennoch werde ich heute nicht darüber schreiben, dass Hiroshima heute vor 77 Jahren durch eine Atombombe vernichtet wurde. Auch nicht über die beängstigenden Folgen des Klimawandels und auch nicht darüber, dass sich die Taiwan-Frage derzeit zum Großkonflikt der Großmächte USA und China hochschaukelt. Klar, wer nicht tatenlos abwarten will, bis er von einem autokratischen Säbelzahntiger neuzeitlicher Provenienz verschluckt wird, muss informiert sein. Ständiges Stieren auf solche Nachrichten hält allerdings kaum jemand aus. Es macht hilflos, hoffnungslos und depressiv. 

Wie es in dunkelsten Phasen gelingen kann, Licht in jeden Tag zu bringen, hat der britische Autor Duncan MacMillan in seinem Theaterstück „All das Schöne“ gezeigt. Die Zeitung THE GUARDIAN rezensiert: „Ein lebensbejahender Monolog über ein todernstes Thema, herzergreifend und völlig unsentimental.“ MacMillans Protagonistin ist eine Siebenjährige. Sie schreibt eine Liste für ihre depressive Mutter, die versucht hat, sich umzubringen. Auf der steht all das, was das Kind schön findet, und es hofft, dass seine Mutter diese Liste wirklich liest und nicht nur ihre Rechtschreibfehler korrigiert. 1: Eis, 2: Wasserschlachten, 3: Länger aufbleiben dürfen als sonst und fernsehen. Zehn Jahre später unternimmt die Mutter einen zweiten Selbstmordversuch. Das Mädchen wird auch als Jugendliche nicht müde, die Liste weiter zu schreiben. 823: Nacktbaden, 999: Sonnenschein. Die junge Frau geht zum Studium, verliebt sich, doch tief in ihr sitzt eine Traurigkeit, die sie sich nicht eingestehen mag. Mit dem Leben wächst die Liste, nähert sich der millionsten Eintragung. 999 997: Das Alphabet. 999 998: Eine Aufgabe abschließen. 

Duncan MacMillans Text ist ein rauschendes Plädoyer für das, was uns Mut macht. Er lässt uns sehen, wofür es sich lohnt, jeden Tag aufzustehen. Er verführt uns, die Kleinigkeiten im Leben anzuschauen und uns daran zu erfreuen, um nicht an den großen Problemen zu verzweifeln.

Was Freude bringt, kann nur jeder Mensch für sich herausfinden. Wer dabei ständig nach Großartigem sucht, muss damit rechnen, das Eigentliche zu übersehen. In der Wochenzeitung DIE ZEIT berichten Leserinnen und Leser in wenigen Zeilen über ihre Kleinigkeiten. Zum Beispiel eine Frau, die Urlaub in England gemacht hat: Nach ihrer abendlichen Laufrunde kam sie rotgesichtig und erschöpft ins Dorf zurück. Ein alter Mann im Rollstuhl lächelte ihr entgegen. Während sie an ihm vorbeihechelte, hörte sie ihn fragen: „Brauchen Sie eine Mitfahrgelegenheit?“ 

Warum sie uns das erzählt? Weil es ihr Leben ganz plötzlich reicher gemacht hat.

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